23
September
2015
„Layout & Satz“.

Die richtige Länge und Abstand von Zeilen.

Nicht nur Zeichen müssen den richtigen Abstand haben, auch Zeilen brauchen Zwischenräume, damit ein Text gut lesbar ist. Sitzen die Zeilen zu eng beieinander, lassen sich die Worte nur schwer entziffern. Sind sie zu weit voneinander entfernt und sind zu lang, fällt der Zeilenumbruch schwer. Wo aber liegt der Mittelweg? Die letzte Folge unserer Wissensreihe „Layout & Satz“ von Charlotte Erdmann.

Zeilenabstand oder Durchschuss?

Um zu verstehen, wie Zeilen im Verhältnis zueinander stehen müssen, sollte zunächst der Begriff Zeilenabstand definiert sein. Denn der Abstand zwischen zwei Zeilen wird nicht alleine durch den Weißraum dazwischen bestimmt. Vielmehr wird der Zeilenabstand von der Grundlinie des Textes zur nächsten gemessen. Der nicht gedruckte Zwischenraum hingegen ist der sogenannte Durchschuss. Dieser Begriff stammt aus den Zeiten des Bleisatzes, in denen zwischen die Bleibuchstaben noch eine Blindzeile, der Durchschuss, geschoben wurde. Der tatsächliche weiße Raum zwischen den Buchstaben ist also wesentlich kleiner, als der Zeilenabstand, bei dem auch die Unterlängen und Oberlängen hinzugerechnet werden. Diese sind gerade bei deutschen Texten vermehrt vorhanden, da hierzulande viele Großbuchstaben (Versalien) verwendet werden.

Zeilenabstand festlegen

In Zeiten des Desktop Publishing bzw. des digitalisierten Satzes muss sich eigentlich kaum noch jemand Gedanken über den richtigen Zeilenabstand machen. Zumindest dann nicht, wenn er sich auf die automatischen Vorgaben seines Satzprogrammes verlassen möchte. Stellt man den Zeilenabstand auf „automatisch“, werden abhängig von Zeichenart, Schrift und -größe sowie Zeilenlänge die passenden Abstände direkt vom Programm eingestellt. Dieses wendet dazu bei Schriftgrößen zwischen 9 und 12 Punkt meist 120 Prozent der Schriftgröße an. Bei einem Font mit 10 Punkt wird der Zeilenabstand also 12 Punkt groß.

Immer wieder aber gibt es Fälle, in denen man manuell in die Vorgaben des Rechners eingreifen muss – etwa bei hervorgehobenen Zitaten, Überschriften oder weil es einfach luftiger sein soll. Dazu muss man wissen, dass der Zeilenabstand sich nach der Höhe der Mittellänge der Grundschrift richtet. Mit anderen Worten: Für einen optisch ausgewogenen Eindruck muss der Zeilenabstand den Mittellängen entsprechen.23092015_Summary

Zu beachten ist beim manuellen Eingriff außerdem, dass kurze Zeilen eher eng beieinander liegen können, da es dann dem Leser leichter fällt, die Zeile zu wechseln. Lange Zeilen hingegen müssen etwas weiter voneinander gesetzt werden, um den Anschluss an die nächste Zeile zu finden. Und immer gilt beim Zeilenabstand natürlich den Grauwert im Blick zu behalten.

Wie lang sollte eine Zeile sein?

Die Zeilenlänge ist aber nicht nur für die Abstände wichtig, sondern auch für die Lesbarkeit. Die richtige Länge hat nach dem bekannten Grafikdesigner Otl Aicher eine Zeile dann, wenn der Lesefluss nicht zu oft unterbrochen wird und das Auge beim Wechsel der Zeile die nächste Zeile problemlos findet. Oft liest man in diesem Zusammenhang von der 70-Zeichen-Empfehlung, die besagt, dass maximal 70 Zeichen in eine Zeile passen. Doch DIE richtige Zeilenlänge gibt es nicht. Vielmehr ist sie abhängig von Schrift, Satzart und Zeilenabstand. Je breiter eine Schriftart und je größer, umso länger kann auch die Zeile werden. Je schmaler die Schrift, desto kürzer darf die Zeile sein. Aber sowohl zu kurze als auch zu lange Zeilen schrecken den Leser ab und irritieren beim Lesen. Deshalb sollte man bei der Zeilenlänge immer nach dem eigenen Eindruck gehen und eher kurze als zu lange Zeilen setzen. Als Faustregel kann man sich außerdem merken, dass 50–70 Zeichen in der Schriftgröße 8–11 Punkt und einspaltigem Text angemessen sind, wohingegen mehrspaltige Texte maximal 40–50 Zeichen pro Zeile haben sollten. Im Buchsatz können zwischen acht und zwölf Wörtern pro Zeile am besten vom Leser aufgenommen werden.

5 Grundregeln für einen guten Zeilenabstand und -länge

Zum Abschluss nochmals die wichtigsten Grundregeln des Zeilenabstands und der Zeilenlänge im Überblick:
1.    Da deutsche Texte viele Versalien aufweisen, benötigen sie meist mehr Zeilenabstand.
2.    Je länger die Zeilen eines Textes sind, desto größer sollte der Zeilenabstand sein.
3.    Je kürzer die Zeilen sind, umso kleiner kann der Zeilenabstand ausfallen.
4.    Schriften mit mehr Weißraum können einen engeren Zeilenabstand haben, enge Schriften sollten weiter gesetzt werden.
5.    Der Zeilenabstand sollte immer deutlich größer als der Wortabstand gewählt werden.
6.    Als Richtwert für den Zeilenabstand gilt: 120 Prozent der verwendeten Zeichengröße ansetzen (Font 10 Punkt = Zeilenabstand 12 Punkt).
7.    Schmale Schriften lieber in kurze Zeilen setzen.
8.    Einspaltiger Text in 8-11 Punkt kann 50–70 Zeichen vertragen, mehrspaltiger Text nur 40–50 Zeichen pro Zeile.
9.    In Büchern sind acht bis zwölf Wörter pro Zeile optimal.
10.    Lange Zeilen ermüden den Leser und irritieren bei der Suche nach der nächsten Zeile.

Charlotte Erdmann (Bild: Matthias Martin)

Charlotte Erdmann (Bild: Matthias Martin)

Wir danken Charlotte Erdmann für diese hilfreiche und wissenstarke Reihe. Und freuen uns schon auf die nächste. Unsere Leser könenn gespannt sein. Bald geht es weiter.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bereits erschienen:
Papierformate
Gute Gründe für die Falzung
Der Satzspiegel
Ein stimmiges Bild dank Gestaltungsraster & Co.
Text und Bild Kompositionen
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Absatzformate: Von knalligen Überschriften und verschwunden Unterüberschriften
Wort- und Zeichenabstand. Kerning als vergessene Lehre.

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