11
April
2017
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Der Goldene Schnitt, die unbekannte Proportion.

Im Designprozess kommt es eigentlich nicht auf mathematische Exaktheit an sondern auf die visuelle Wirkung. Der sogenannte Goldene Schnitt ist als eine Proportionsangabe aber eine Hilfe für den Gestalter. Denn er teilt Flächen harmonisch auf, hilft Bilder zu komponieren oder Abstände festzulegen. Wie nutzt man als Designer den Goldenen Schnitt praxisorientiert?

Was ist eine Proportion?
Der Goldene Schnitt ist ein Proportionsverhältnis. Eine Proportion ist die Aufteilung einer Strecke oder Fläche. Dabei bezeichnet er das Größenverhältnis der Einzelteile in Relation zueinander. Im Grafik Design geht es bei Proportionen immer um Flächen oder Längenmaße, die in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen.

Links ist die einfachen Drittelteilung des Formates zu sehen, wie sie oft von Fotografen verwendet wird, in der Mitte die Linien des Goldenen Schnittes und rechts beides übereinander gelegt. ©Wasselowski

Links ist die einfachen Drittelteilung des Formates zu sehen, wie sie oft von Fotografen verwendet wird, in der Mitte die Linien des Goldenen Schnittes und rechts beides übereinander gelegt. ©Wasselowski

Warum sind Proportionen wichtig?
Wenn etwas gut aussehen soll, bieten sich bestimmte Proportionen an, die das Auge als schön empfindet. Der Goldene Schnitt gilt mit seinem Proportionsverhältnis von ca. 1:1,618 als eine vollendete Proportion. Eine Linie, die nach dieser Proportion in eine längere und eine kürzere geteilt wird, hat zwei Voraussetzungen zu erfüllen:

  • Der kürzere Teil der geteilten Linien steht zum längeren Teil
  • wie der längere Teil zur Gesamtlänge beider Linien zusammen.

Ist dies erfüllt, ist die Proportion des Goldenen Schnitts realisiert.

Wie lautet die Formel für den Goldenen Schnitt?
Allerdings ist die Formel, aus der man das oben genannte Verhältnis mathematisch herleitet etwas komplizierter: 1 + √5 dividiert durch 2 ≈ 1,618.

Dabei ist die Wurzel in der Mathematik quasi die „Umkehrung“ der Hochzahl. Schreibt man beispielsweise 52, ist dies nichts anderes als eine Kurzschreibweise von 5 x 5 = 25. Dem gegenüber die Wurzel aus der Zahl 5 (Schreibweise √5) bedeutet: Man möchte wissen, welche zwei gleichen miteinander multiplizierten Zahlen 5 ergeben. In diesem Fall ist die Wurzel aus 5 ≈ 2,236. Setzt man also in der vorherigen Gleichung den Wert ein, ergibt sich: 1 + 2,236 = 3,236 dividiert durch 2 ≈ 1,618.

Eine Anwendung aus der Bildgestaltung. Links bei der simplen Drittelteilung wurde die Mittelachse des Kopfes an der vertikalen Linie ausgerichtet und der obere Rand der Augenpartie an der horizontalen. Rechts die Ausrichtung am goldenen Schnitt. ©Wasselowski

Eine Anwendung aus der Bildgestaltung. Links bei der simplen Drittelteilung wurde die Mittelachse des Kopfes an der vertikalen Linie ausgerichtet und der obere Rand der Augenpartie an der horizontalen. Rechts die Ausrichtung am goldenen Schnitt. ©Wasselowski

Man sieht, dass die Person weniger extrem aus der vertikalen Bildmitte gerückt ist und die Person im Beispiel etwas verkleinert werden musste, damit die Augenpartie mit der horizontalen Linie korrespondiert. Dadurch fügt sich die Person harmonischer ins Gesamtformat. ©Wasselowski

Man sieht, dass die Person weniger extrem aus der vertikalen Bildmitte gerückt ist und die Person im Beispiel etwas verkleinert werden musste, damit die Augenpartie mit der horizontalen Linie korrespondiert. Dadurch fügt sich die Person harmonischer ins Gesamtformat. ©Wasselowski

Wo wird der Goldene Schnitt angewendet?

  1. Als Linie: Der Goldene Schnitt kann ein Maßverhältnis zwischen Strecken und Abständen bzw. Seitenlängen sein.
  2. Als Fläche: Der Goldene Schnitt kann eine Fläche sein, zum Beispiel ein Blatt Papier. Die Seiten des Blattes stehen im Verhältnis 1:1,618 zueinander.
  3. In der Fotografie: Der Goldene Schnitt kann das Verhältnis bestimmter Elemente zueinander oder ihre Anordnung in einem Bild betreffen.
  4. In der Typografie: Bei der Buchtypografie geht es darum, einen Satzspiegel so anzulegen, dass sich der Textteil im Verhältnis zu den Rändern am Goldenen Schnitt orientiert.

Welche gängigen Formate sind dem Goldenen Schnitt ähnlich?

  • In der Praxis nähert man sich mit der Proportion 5:8 (oder 3:5) = 1,6 an den Goldenen Schnitt an, weil dies griffiger und besser zu merken ist.
  • Auch das Format von manchen 16:10-Computerbildschirmen entspricht mit umgerechnet ca.1:1,6 nahezu dem Goldenen Schnitt.
  • Diesem Format nähert sich auch der heutige Bildschirmstandard 16:9 an. Seine Seitenproportion beträgt ca.1:1,7
  • Das Seitenverhältnis eines DIN A4-Blattes beträgt demgegenüber ca.1:1,4

Woher stammt der Goldene Schnitt?
Mathematische Grundlagen des Goldenen Schnitts stammen aus dem antiken Griechenland. Allerdings schuf den Begriff erst der Mathematiker Martin Ohm 1835. Im Laufe des 19. Jahrhunderts verbreitete sich die Idee, dass der Schönheit mathematische Strukturen zugrunde liegen. Schließlich wandte Adolf Zeising 1854 den Goldenen Schnitt nicht nur auf den menschlichen Körper an. Er übertrug ihn auf Gemälde, Bauwerke oder Sternenkonstellationen. Damit erlangte der Begriff Popularität. Hintergrund war die Vision von einer „Weltproportion“ für die Beschaffenheit des Schönen insgesamt.

 

Recherchiert man das Thema „Goldener Schnitt“, trifft man auf unerwartete Hürden:

1. Mathematik und Design
Problem: Wie soll man das Proportionsverhältnis 1:1,618 verstehen? Man merkt nämlich schnell, dass weitere Fragen in Gleichungen mit vielen Unbekannten münden. Ein Designer muss sich da erst hineindenken und verliert die Lust.

Lösung: Will man exakt arbeiten, kommt man für seine Berechnungen nicht an Mathematik vorbei. Man kann sich aber damit behelfen, dass man mit Vereinfachungen arbeitet. Ein Beispiel ist die Proportion 5:8. Ein anderes sind die Fibonacci-Zahlen, mit denen man übersichtliche Seitenraster anlegen kann. Die Fibonacci-Zahlen behandeln wir in der nächsten Folge.

2. Umsetzung in der Praxis
Problem: Wie setze ich eine Zahl ein? Funktioniert sie nur, wenn auch das Blattformat im Goldenen Schnitt angelegt ist? Wo kommt der Goldene Schnitt zur Anwendung?

Lösung: Der Goldene Schnitt kann formatübergreifend theoretisch in vielen Bereichen eingesetzt werden. Das geht beispielsweise in der Typometrie bis dahin, dass die Buchstaben von Satzschriften nach dem Goldenen Schnitt gestaltet werden könnten. Am Anfang sollte man Prioritäten setzen und ihn nur auf das Wichtigste anwenden: den Satzspiegel und damit die Hauptseitenaufteilung. Hat man ein Gefühl für die Proportionen entwickelt, setzt man weiteres um.

3. Der Goldene Schnit wird verwechselt
Problem: Mitunter dritteln Fotografen ihr Bildformat in 9 gleich große Teilflächen und verwechseln diese Aufteilung mit dem Goldene Schnitt – obwohl dieser ein Format gerade nicht gleichförmig aufteilt. Ein andermal wird dies als „annäherungsweise“ dem Goldenen Schnitt entsprechend bezeichnet, der Unterschied aber nicht als wesentlich betrachtet. Auch die Fibonacci-Zahlenfolge wird mit dem Goldenen Schnitt praktisch gleichgesetzt. Tatsächlich entspricht sie ihm mal mehr und mal weniger aber nie exakt.

Lösung: Der Goldene Schnitt ist nicht nur wegen seiner mathematischen Wurzeln für Designer, die in die Tiefe gehen wollen, komplex. Es lohnt sich aber, sich in einem Prozess Wissen anzueignen. Durch die Auseinandersetzung mit der Thematik wächst man auch als Gestalter und verinnerlicht die Proportionen. Wie exakt man dabei vorgehen möchte, kommt auf den Design-Ansatz an. Systematische Editorial-Designer für umfangreiche Drucksachen schätzen berechenbare Proportionen.

 

Die scheinbaren Einschränkungen, die der Goldene Schnitt mit sich bringt, führen schnell zu „ungefähren“ Proportionen. Möchte der Profi frei und intuitiv gestalten, kann er sich auf sein geschultes Auge verlassen. Schließlich geht es etwa im Design nicht nur um Schönheit, sondern um Prägnanz und eine eigene Designsprache. Gestaltern kann der Goldene Schnitt deshalb als Richtschnur dienen, um eine eigene gestalterische Gegenposition zu entwickeln.

 

Fazit:

Der Goldene Schnitt zeigt, dass man es im Design zwar mit exakten Zahlen zu tun haben kann aber dennoch viel Raum bleibt, wie man diese Zahlen interpretiert. Das ist weniger bei der Konstruktion eines Satzspiegels für eine Zeitschrift oder ein Buch der Fall. Wohl aber in der Bildgestaltung. Denn wie genau man die Bildelemente an den Linien des Goldenen Schnitts ausrichtet und vor allem welche, das hat viel mit Empfinden zu tun. Die Auseinandersetzung mit dem Goldenen Schnitt regt in jedem Falle den bewussten Umgang mit dem Gestaltungsprozess an. Für systematische Gestalter auf der Suche nach der optimalen Form, bleibt er ein herausforderndes Thema.

 

Ralf Wasselowski

Unser Autor Ralf Wasselowski, er betreibt die Agentur Conceptbüro in Essen, informiert im zweiwöchigen Rhythmus über Designrichtlinien. ©Ralf Wasselowski

 

In der Serie „Grundlagen der Gestaltung“ sind bisher erschienen:

Denksport Design: Gestaltungsgesetze und Designprinzipien

 

 

 

 

 

 

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