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28
Juli
2016
viaprinto-Wissen: Typografie

Die Einteilung von Schriften.

Als Marx den Klassenbegriff einführte, herrschte bei den Schriften längst ein Klassenkampf. Seit Gutenbergs Bibeldruck wurden immer mehr Schriftarten entwickelt. Um sie besser einteilen, vergleichen und pflegen zu können, unterschied man sie nach Klassen. Fonts derselben Klasse lassen sich besonders gut kombinieren. Die beiden größten Klassen sind die Serifenschriften (auch Antiqua-Schriften genannt) und serifenlose Schriften (auch Grotesk genannt). Serifen haben Times, Bookman, Palatino oder auch Garamond. Ohne Serifen sind unter anderem Helvetica, Gill Sans, Futura und Univers. Daneben gibt es eine Vielzahl weiterer Klassen wie Schreibschriften, Symbolschriften und dergleichen mehr.

 

Die Formmerkmale der Schriften

Schriften werden nach der Form ihrer Buchstaben beurteilt. Wichtige Merkmale sind dabei die Art der Serifen, also ob sie an der Seite oder unten Kanten aufweisen, wie sie an den Buchstaben angesetzt sind und welche Achse sie verfolgen. Bei den Buchstaben selbst ist es wichtig, wie die Ober- und Unterlängen gestaltet sind, wie sich Groß- zu Kleinbuchstaben zueinander verhalten und welcher optischen Achse die Rundformen, beispielsweise das a und o, folgen. Strichstärken und Kontraste sind ebenfalls entscheidende Identifikationsmerkmale.

 

Die deutsche Gründlichkeit: DIN-Klassen

Diese sehr grobe Einteilung ist auch die Vorlage für die in Deutschland als DIN 16518 im Jahr 1964 eingeführte und 1998 überholte offizielle Schriftenklassifizierung. Die alte Fassung wird bis heute unterrichtet und teilt die Schriften in insgesamt elf Stilrichtungen ein:

  1. Die Venezianische Renaissance-Antiqua wurde aus den humanistischen Minuskelschriften entwickelt: abgerundete Serifen, schräger Querstrich beim e, schräger Dachansatz bei den Serifen, schräge Achsen, Grundstrich und Haarlinie sind im deutlichen Kontrast, Oberlängen der Kleinbuchstaben sind höher als die Großbuchstaben. Beispiele: Stempel Schneidler, Centaur, Janson Text.
  2. Die Französische Renaissance-Antiqua entwickelte sich aus den französischen Schriften des 16. Jahrhunderts: runde Serifen, gerader Querstrich im e, deutlichere Kontraste der Grund- und Haarlinien, schräge Achsen, kleines Auge im e und kleiner Bauch des a. Beispiele: Garamond, Goudy Old Style, Caslon, Palatino.
  3. Die Barock-Antiqua entstammte den Schriften des 18. Jahrhunderts: leicht abgerundete Serifen, stärkere Strichstärke mit deutlichem Kontrast, beinahe senkrechte Achsen. Beispiele: Baskerville, Ehrhardt, Concorde.
  4. Die Klassizistische Antiqua entstand Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts: zierliche, feine Serifen, Ansätze und Endungen waagerecht, senkrechte Achsen, klarer Kontrast der Grundstriche und Haarlinien, Oberlängen der Klein- und Großbuchstaben gleich groß. Beispiele: Bauer Bodoni, Didot, New Century Schoolbook.
  5. Serifenbetonte Linear-Antiqua heißt auch Egyptienne und entstand zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Sie wird je nach Art und Kehlung der Serifen in drei Untergruppen unterteilt:
    a) Egyptienne: Hart angesetzte Serifen mit kantigen Übergängen, Serifen sind deutlich und groß. Beispiele: American Typewriter, Rockwell.
    b) Clarendon: Übergänge zu den Serifen sind abgerundet. Beispiel: Clarendon.
    c) Italienne: Serifen sind breiter als der Grundstrich, senkrechte Achsen, waagerechte Anstriche. Beispiel: Figaro.
  6. Die Serifenlose Linear-Antiqua wird auch Grotesk oder Sans Serif genannt, da die Serifenlosigkeit zur Entstehung Anfang des 19. Jahrhunderts den Menschen grotesk vorkam: keine Serifen, gleichmäßiger Strich, kaum bis kein Kontrast zwischen Grundstrich und Haarlinie, senkrechte Achsen. Beispiele: Helvetica, Univers, Futura, Gill-Sans.
  7. Die Antiqua-Varianten ist eine Klasse für alle Antiqua-Schriften, die nicht in die Gruppen 1 bis 6 passen: Dekorschriften, mit und ohne Serifen, die an Antiqua angelehnt sind. Beispiele: Armold Böcklin, Blur, Broadway.
  8. Die Schreibschriften sind der Schreibschrift nachempfundene Druckschriften: sehen aus wie mit der Feder oder dem Pinsel geschrieben, schwungvoll, wechselnde Strichstärken. Beispiele: Brush Script, Kaufmann, Zapf Chancery.
  9. Die Handschriftliche Antiqua ist eine an die Druckschriften angelehnte Antiqua, als Schreibschrift modifiziert. Ihre Einteilung ist oft problematisch: ähneln Handschriften, geschwungene Anfangsbuchstaben, wechselnde Strichstärken. Beispiele: Time Script, Kaufmann, Reporter, Mistral.
  10. Die Gebrochene Schrift wird auch Fraktur oder Deutsche Schriften genannt. Sie gehen auf gotische Schriften zurück und hatten ihre Hochzeit im Nationalsozialismus: gebrochene Rundungen, in der Untergruppe Gotisch wirken die Schriften eher streng, in der Untergruppe Rundgotisch sind die Kleinbuchstaben weniger gebrochen, wirken runder, die Gruppe Schwabacher ist noch runder und breiter, die Fraktur sind eleganter und schlanker. Beispiele: Schwabacher, Wallau, Fette Fraktur, Fette Gotisch.
  11. Zu den Fremde Schriften gehören nicht-lateinische Schriften wie japanisch, arabisch, indisch, kyrillisch.

Schriften

Die Moderne und die Normen

Mit der Nutzung des Computersatzes und damit einhergehend der Entstehung immer neuer Schriften wurde die Klassifikation der Schriften nach der alten Norm immer problematischer. Das historisch gewachsene System deckte die neuen Fonts nur schwer ab. Selbst wenn sie einen ähnlichen Namen hatten, konnten einheitliche Formmerkmale teilweise nur noch schwer nachgewiesen werden. Was wie eine Antiqua-Schrift aussieht, muss heute noch lange keine sein. Deshalb unterbreiteten die drei Typographen Indra Kupferschmid, Max Bollwage und Hans Peter Willberg 1998 dem Deutschen Institut für Normung den Vorschlag, die Norm einer Novellierung zu unterziehen. Ihre Idee: eine Aufteilung in lediglich fünf Klassen, die sich an der horizontalen und vertikalen Ausrichtung der Formelemente orientiert. Über den Status eines Entwurfs ist diese Idee aber nie hinausgegangen. Deshalb wird an den Hochschulen noch immer die alte Klassifikation – neben teilweise der neuen – gelehrt. Sie deckt noch am ehesten die Schriftarten ab und hilft dem Setzer dabei, über den Einsatz der passenden Schriftkombination zu entscheiden. Denn das ist das Wichtigste am Klassensystem: nur sich ähnelnde Schriften sollten zusammen eingesetzt werden. Einzige Ausnahme: Man will mit der Mischung sehr unterschiedlicher Fonts bewusst provozieren oder Aufmerksamkeit erwecken.

Charlotte Erdmann

Unsere Autorin Charlotte Erdmann, Geschäftsführende Gesellschafterin bei Solokarpfen Publishing UG. ©viaprinto (Bild: Matthias Martin)

 

Das gelingt auch mit anderen Schriftgrößen und Laufweiten. Wie sich diese wozu einsetzen lassen, erfahren Sie im nächsten Teil dieser Serie.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bereits erschienen:

Die Geschichte der Schrift.
Das Schriftzeichen, die kleinste Einheit der Typografie.
Blutsverwandtschaften: Von Schriftfamilien und -schnitten.

 

14
Juli
2016
viaprinto-Wissen: Typografie

Blutsverwandtschaften: Von Schriftfamilien und -schnitten.

Für Desktop Publishing Programme gibt es Millionen von Schriften. Nicht alle sind gleich gut ausgebaut, manche gibt es nur in der Standardform. Wenn aber ein kursiver, ein fetter und weitere Schriftschnitte hinzukommen, erwächst aus einem Font, also einem kompletten Zeichensatz, eine ganze Schriftfamilie, deren Verwandtschaft unverkennbar ist.

Die Entstehung der Familien

In den Klöstern des Mittelalters gab es wenig Licht. Die Bücher – von Hand geschriebene Heiligtümer – wurden in der schwachen Beleuchtung einer Kerze verfasst und gelesen. Ihre Schrift musste entsprechend groß und voluminös gestaltet werden. Die Schreiber in den klösterlichen Skriptorien bedienten sich dazu der gotischen Minuskel.

Gutenberg_Bibel © viaprinto Flickr_Brandbook.de

Die Gutenberg-Bibel mit der gotischen Minuskel.

Diese Schrift wurde nicht nur für Bücher, sondern auch für Inschriften und Inkunabeln verwendet. Die aus ihr entwickelte Textura nutzte Johann Gutenberg für seinen Bibeldruck. Die erste Druckschrift war erschaffen. Sie zeichnete sich durch ihren streng geometrischen Charakter und einen gitterartigen Eindruck aus. Auszeichnungen aber wie fett oder kursiv waren mit ihr nicht möglich – und auch gar nicht vorgesehen. Erst im Laufe der folgenden Jahrzehnte experimentierten die Druckmeister mit den Schriften und gestalteten die Bleiletter immer wieder anders. Schriften wurden solange miteinander vereint, bis die sogenannte „Antiqua“ entstand, eine neue Schrift für alte Buchstabenformen, die als klar und besser lesbar empfunden wurde. Es folgte die Ausarbeitung von Groß- und Kleinbuchstaben, bis Ende des 15. Jahrhunderts die ersten Kursivschriften – „Italics“ –von den Formschneidern und Goldschmieden geschnitten und in Blei gegossen wurden. Aus ihnen entstanden im Verlauf der Jahrhunderte diverse Schriftschnitte und damit ganze Schriftfamilien.

Typografische Blutsverwandtschaften

Neben der „Antiqua“ existieren inzwischen – nicht zuletzt dank Desktop Publishing – tausende von Schriften. Eine der bekanntesten unter ihnen feiert im nächsten Jahr einen runden Geburtstag: Die „Helvetica“ wird 2017 bereits 60 Jahre alt. Sie ist wie die „Arial“ auf vielen Computersystemen vorinstalliert und erfreut sich dadurch einer großen Verbreitung und Beliebtheit. Neben der Standardausführung kann man sie in Fett, Light, Narrow und Oblique oder Kombinationen davon einsetzen. Diese Namen bezeichnen unterschiedliche Strichstärken, Laufweiten und Strichlagen ein und desselben Schriftschnitts. Zusammen ergeben sie eine Schriftfamilie – Buchstaben, die aus einer Architektur bestehen und von einem Type-Designer oder Schriftgestalter eigens entworfen wurden. Dieser modifiziert die von ihm gestalteten Zeichen so, dass zwar die typischen Merkmale des Fonts bestehen bleiben, mindestens aber neben der normalen Schrift auch die Schriftschnitte kursiv, fett und Kapitälchen existieren und eine ganze Familie entsteht, die wir gemeinhin als „Font“ oder „Schrift“ bezeichnen.

Schriftfamilien und ihre vielfältigen Bezeichnungen

2000px-Helvetica © Wikimedia_FroztbyteDoch was bei der einen Schrift Fett heißt, ist bei der anderen bold, die dritte ist wiederum black oder heavy. All das sind Namen für eine ähnliche Art der Strichstärke, also unterschiedliche Schriftstilvarianten bzw. Schriftschnitte. Das Namenswirrwarr, das hier sehr gut aufgeschlüsselt wird, ist historisch bedingt. Denn aus der „Antiqua“ entwickelten die Druckmeister zunächst lediglich eigene Kursivschriften. Sie wurden von den Schrift- und Stempelmeistern als eigenständige Lettern ausgearbeitet, die sich lediglich an das Erscheinungsbild der „Antiqua“ anglichen. Erst im Laufe der folgenden Jahrhunderte wurden die Kursivvarianten aus der Hauptschrift entwickelt, indem lediglich der Neigungswinkel, nicht aber die Buchstabenform selbst verändert wurde. Hinzu kamen in neuester Zeit fette und halbfette Stilvarianten, die sich in die Schriftfamilien eingliederten. Heute gibt es dank der stufenlosen Anpassung der Breiten am Computer in vielen Schriften große Unterschiede bezüglich der Strichstärken, Laufweiten, Breiten und Schriftlagen. Es gibt wahlweise laute (fett, halbfett) oder leise (kursiv, Kapitälchen) Auszeichnungsstile bzw. Schriftschnitte.

Verzerren ist nicht verneigen

Manche Schrift ist dabei besonders umfangreich. Zu den am besten ausgebauten Fonts zählen beispielsweise die „Linotype Synta“ von Hans Eduard Meyer sowie die legendäre „Frutiger“ beziehungsweise die „Univers“ von Adrian Frutiger. Sie alle besitzen neben dem Normalschnitt zahlreiche weitere Schriftschnitte und sind damit sehr breit einzusetzen. Insbesondere bei stark gegliederten Texten ist es nämlich mitunter notwendig, mehrere Schriftschnitte zu nutzen. Doch vor allem bei Freefonts, also kostenlosen Schriften, kann das zu einem Problem werden. Sie bestehen meist nur aus einem Schnitt, sodass die Schrägstellung (kursiv) durch das Satz- oder Textverarbeitungsprogramm gemacht werden muss. Die Neigung aber, die Schriftdesigner in ihre Schriftfamilien als Kursive anlegen – und damit komplett eigenständige Schriftschnitt erschaffen –, wird dann lediglich durch eine Schrägstellung der Grundschrift erzielt. Die Folge: Proportionen werden nicht mehr eingehalten, die Schrift wirkt verzerrt. Es entsteht ein unharmonisches Bild. Allerdings gelingt das nicht in jedem Programm. InDesign beispielsweise greift nur auf verfügbare Schnitte zu, sodass kein Font künstlich geneigt oder breiter gemacht werden kann. Einige Ausnahme sind Kapitälchen, die auch InDesign aus einer bestehenden Schrift generiert.

Charlotte Erdmann

Unsere Autorin Charlotte Erdmann, Geschäftsführende Gesellschafterin bei Solokarpfen Publishing UG. ©viaprinto (Bild: Matthias Martin)

 

Neben der Blutsverwandtschaft der Schriftfamilien lassen sich Fonts klassifizieren und damit einer bestimmten Gruppe zuordnen, katalogisieren und pflegen. Was es mit den Schriftklassifikationen auf sich hat und warum diese kritisch zu betrachten ist, erfahren Sie in der kommenden Folge dieser Serie.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bereits erschienen:

Die Geschichte der Schrift.
Das Schriftzeichen, die kleinste Einheit der Typografie.

30
Juni
2016
viaprinto-Wissen: Typografie

Das Schriftzeichen, die kleinste Einheit der Typographie.

Der Künstler Wassily Kandisky brachte es einmal auf den Punkt: „Buchstaben sind praktische und nützliche Zeichen, aber ebenso reine Form und innere Melodie.“ Sie geben uns Struktur, ordnen unsere Welt und geben unseren Worten Nachhaltigkeit. Die Art, wie sie gestaltet sind, sagt ebenso etwas über den Text aus, wie dessen Inhalt selbst. Doch Buchstaben sind noch mehr: Sie sind die kleinste Einheit unserer heutigen Schrift. Dabei besitzen sie selbst Eigenheiten und Formen, deren Bezeichnungen noch aus der Zeit des Bleisatzes stammen.

Der Kegel und das Fleisch

Garamond_type_++i-ligature © Wikipedia

Eine Bleiletter der i-Ligatur mit sichtbar „Fleisch“ . © Wikipedia

Eine kleine Zeitreise, um zu verstehen, wie Schriftzeichen sich aufteilen: Als Johannes Gutenberg 1455 den Buchdruck erfand, revolutionierte er das Lesen. Bücher wurden nun dank beweglicher, gegossener Bleilettern gedruckt. Der Metallkörper, von dem sich die Lettern abhoben, ist der Schriftkegel. Seine Größe ist die Basis der Schrift, seine Höhe muss für alle Schriften gleich sein. Nur so ist es möglich, Schriften unterschiedlicher Größe nebeneinander auf eine Textzeile zu setzen. Doch auch wenn die Kegelgröße die Schriftgröße definiert, so sind die Buchstaben – werden sie auf dem Ausdruck einmal nachgemessen – kleiner, als die ausgewählte Schriftart, die sich ja nach der Kegelgröße bemisst. Der Grund dafür liegt wieder einmal in der Historie: Im Buchdruck ist der Kegel immer ein wenig größer, als der Buchstabe selbst. Den Raum um den Buchstaben (auch Fleisch genannt) brauchte man aufgrund der großen Kräfte beim Pressdruck, die auf die Lettern wirkten. Wären die filigranen Linien der Buchstaben am Rand, würden sie beim Druck abbrechen.

Versalhöhen und Dickte

Als grobe Faustregel könnte man selbst in Zeiten von Desktop-Publishing und Computern angeben: Die Kegelgröße ist die Höhe der Versalien eines Buchstabens mal Faktor 1,4. Dabei ist die Versalhöhe immer die Größe der Großbuchstaben (auch Versalien oder Majuskeln genannt). Deren Messung erfolgt am Besten mithilfe der Buchstaben H, E oder M. Die Versalhöhe lässt sich aber auch aus der Kegelgröße mit dem Faktor 0,71 berechnen – oder sollte dies zumindest. Denn in Zeiten mannigfaltiger Fonttypen und Schriftschnitte ist diese Umrechnung nur noch auf die Helvetica anzuwenden. Bei gleicher Schriftgröße können sich also je nach Fontfamilie ganz unterschiedliche Versalhöhen ergeben. Gleiches gilt für die Dickte des Buchstabens, also die Breite des Schriftkegels. Nur bei Schreibmaschinenschriften ähnelt sich die Dickte. Sie werden deshalb auch monospaced fonts oder dicktengleiche Schriften genannt – im Unterschied zu Proportionalschriften, deren Dickte ganz unterschiedlich ausfällt.

Das Drumherum des Buchstabens

Die Bleikegel waren immer rechteckig oder quadratisch, damit man sie nebeneinander setzen konnte. Die druckenden Bereiche sind erhaben, um sie herum ist das Fleisch. Der Platz vor und hinter dem zu druckenden Buchstaben besitzt allerdings noch eine Bezeichnung: Vor- und Nachbreite. Und auch unterhalb des Zeichens ist Platz, damit sich die untereinander gesetzten Zeichen nicht berühren. Am Computer lässt sich dieser Bereich vollständig auflösen, im Bleisatz war das nicht möglich. Ebenfalls immer erhalten und vom Schriftgestalter festgelegt ist der Innenraum eines Zeichens, auch Punze genannt.

Die Buchstabenbestandteile

Typografische_Begriffe.svg © Wikipedia

Typografische Begriffe im Überblick. © Wikipedia

Neben der Aufteilung des einzelnen Buchstabens auf dem Schriftkegel, ergeben Schriften auch durch verschiedene Längen ihrer Bestandteile ein Bild. Alle Schriften werden auf einer Schriftlinie oder Grundlinie gesetzt – eine imaginäre Linie, an der sich alle Buchstaben ausrichten. Rundungen eines kleinen b oder eines p ragen jedoch leicht über diese Linie hinaus, damit sie optisch zu den glatt abschließenden Zeichen passen. Sie bilden also einen leichten Überhang. Den Mittelpunkt der Schrift bildet die Mittellänge, auch x-Höhe genannt. Kleinbuchstaben (auch Gemeinen oder Minuskeln genannt) wie a,c oder e nehmen nur den Raum der Mittellänge ein, sie ragen nicht darüber hinaus. Buchstaben wie h oder l verlängern sich nach oben. Der Abstand zwischen der Mittellänge und der oberen Buchstabenkante wird Oberlänge genannt. Das Pendant dazu am unteren Rand nennt sich Unterlänge. Die Versalhöhe schließt die Unterlänge nicht mit ein. Sie wird nur von der Grundlinie bis zur oberen Kante der Oberlänge gemessen.

 

 

Charlotte Erdmann

Unsere Autorin Charlotte Erdmann, Geschäftsführende Gesellschafterin bei Solokarpfen Publishing UG. ©viaprinto (Bild: Matthias Martin)

 

 

 

Aus der Zusammensetzung dieser Bestandteile und deren Ausformung entsteht der Duktus einer Schrift. Strichstärke und -führung sind dessen entscheidende Bestandteile. Über die verschiedenen, daraus resultierenden Schriftfamilien und -schnitte berichten wir in der nächsten Folge dieser Serie.

 

 

 

Bisher in dieser Reihe erschienen:

Die Geschichte der Schrift.

16
Juni
2016
viaprinto-Wissen: Typografie

Die Geschichte der Schrift.

Vor rund 5.000 Jahren begann sich unsere Schrift zu entwickeln. Wie wurden aus bildlichen Darstellungen abstrakte Buchstaben? Bürokratie und Handel spielten die Hauptrolle.

Die Geschichte unserer Schrift beginnt mit banaler Buchhaltung. Zumindest, wenn man von den Höhlenmalereien absieht, die Menschen schon vor 50.000 Jahren geschaffen haben. Im heutigen Irak, einst bekannt als das Zweistromland Mesopotamien, legten die Sumerer vor rund 5.000 Jahren den Grundstein für unsere Schrift. Sie lebten inmitten einer florierenden Tempelwirtschaft – und wo Städte und Handel wachsen, braucht es auch Verträge, die festgehalten werden können. Es muss gezählt und verwaltet werden. Die Sumerer benutzten dazu Lehm. Sie drückten ihn mit den Händen zu flachen Tafeln und ritzten mit Holzstäbchen kleine Zeichen hinein. Der Lehm wurde in der Sonne getrocknet, die Zeichen für die Ewigkeit archiviert. So weit, so gut.

Allerdings entstand das Wunderwerk Schrift nicht an einem einzigen Ort zu einer bestimmten Zeit. Es entwickelte sich über viele Jahrtausende hinweg – parallel an mehreren Orten der Welt, in verschiedenen Hochkulturen. Die Chinesen ritzten Zeichen auf Rinderknochen, die amerikanischen Azteken malten bildhafte Hieroglyphen. Doch es sind die Sumerer, denen die ersten Ansätze für unsere abstrakte Schrift zugeschrieben werden.

Vom Bild zur Silbe – die Keilschrift

Zunächst nutzten sie noch wie andere Kulturen eine Bildsprache, die in Piktogrammen funktionierte. So wurde etwa das Wort „Fürstin“ durch die Zeichnungen für „Frau“ und „Schmuck“ dargestellt. Es gab rund 900 solcher Bildzeichen. Die Besonderheit war, dass die Sumerer immer weiter vom Abbilden von Gegenständen abrückten und zu abstrakteren Formen übergingen. Ein Grund war die florierende Tempelbürokratie mit dem enormen Schreibbedarf – es musste schneller gehen.

Die gezeichneten Bilder wurden durch Kombinationen keilförmiger Abdrücke ersetzt. Man fertigte dafür spezielle Griffel in Dreiecksform. Das Stempeln ging leichter als geschwungene Linien in den Ton zu zeichnen. Die sogenannte Keilschrift war entstanden. Im Laufe der Zeit wurde daraus eine Silbenschrift mit immer weniger Zeichen. Denn ähnlich klingende Wörter wurden durch dasselbe Symbol wiedergegeben. Ein Zeichen drückte nun einen Laut aus. Eine kleine Revolution.

Hieroglyphen sind zu aufwändig

cc ©Egypt_Hieroglyphe2_A☮ineko

Ägyptische Hieroglyphen in Stein gemeißelt. Tiere und menschliche Formzeichen blicken in Richtung Textanfang. cc ©Egypt_Hieroglyphe2_A☮ineko

Diese sumerische Art zu Schreiben erwies sich als flexibler und praktischer, als alle anderen bekannten Schriftsysteme, etwa die Hieroglyphen, die zeitgleich im Niltal existierten. Die ägyptischen Hieroglyphen, „heilige Einkerbungen“, waren umständlich und zeitraubend herzustellen. Kein Wunder, sie hatten vorwiegend eine religiöse Bedeutung. Zusammen mit den sumerischen Keilschrifttexten gelten ägyptische Hieroglyphen aber als älteste belegte Schriftdokumente der Menschheit.

Seefahrende Phönizier erfinden das Alphabet

Das erste Alphabet aus Lautzeichen entwickelten wiederum die Phönizier, ein Seefahrervolk aus dem Gebiet des heutigen Libanons und Syriens. Eine funktionelle Schrift war wichtig für ihren Handel, zum Beispiel um zu verzeichnen, welche Waren die Schiffe geladen hatten. Im Jahr 1200 v. Chr. verwendeten die Phönizier ein Schriftsystem, in dem alle Konsonanten durch 22 Zeichen wiedergegeben wurden. Auf ihren Reisen entlang der Mittelmeerküste verbreitete sich ihr System überall und löste langsam die Keilschrift ab. Es ist die Grundlage für das heutige lateinische, griechische, hebräische und arabische Alphabet.

Die Griechen fügen Vokale hinzu

cc ©Gortys_law_inscription_Wikipedia_Agon S. Buchholz

Eine Gesetzestafel mit Buchstaben des frühgriechischen Alphabets. cc ©Gortys_law_inscription_Wikipedia_Agon S. Buchholz

Die Griechen, ein wichtiger Handelspartner, übernahmen die phönizische Schrift etwa 800 v. Chr. und ergänzten sie um die fehlenden Vokale. Dazu wandelten sie jene Buchstaben um, die im Griechischen nicht benötigt wurden. Der phönizische Buchstabe Aleph, der sich von der stilisierten Darstellung eines Stierkopfes (alef = Rind) herleitet, wurde von den Griechen einfach umgedreht. Heute ist das unser A. So wurden die noch erkennbaren bildlichen Ursprünge aus den Buchstaben getilgt. Sie waren nun vollends abstrakt.

Die Römer verdrängen Runen-Orakel

Als die Römer ab 500 v. Chr. den Mittelmeerraum eroberten, übernahmen sie auch das griechische Alphabet und passten es ihren Bedürfnissen an. Zusammen mit der etruskischen Schrift bildete es die Grundlage für das lateinische Alphabet, das wir noch heute verwenden. Durch die Ausdehnung des römischen Imperiums setzte sich das lateinische Alphabet in ganz Europa durch. Es verdrängte letztlich auch die in Nordeuropa seit dem 2. Jahrhundert verbreiteten Runen. Unsere Bezeichnung „Buchstabe“ geht übrigens zurück auf die Stäbe aus Buchenholz, in welche die Germanen ihre Runen ritzten. Die Buchenstäbe wurden für kultische Handlungen wie Orakel benutzt, Runen gab es aber auch für profane Handelsmitteilungen.

Druckerpressen sind der Anfang der Typografie

Nach dem Zusammenbruch des weströmischen Reichs wurde das Wissen um die Schrift nur in den Klöstern bewahrt. Rund 1.000 Jahre lang war das Schreiben ein Privileg für Geistliche und Adelige. Im Jahr 1455 revolutionierte Johannes Gutenberg mit der Erfindung des Buchdrucks das geschriebene Wort. Bücher waren nun für große Kreise der Bevölkerung erschwinglich. Seine Idee, Schrift aus gegossenen, beweglichen Lettern zusammenzusetzen, war der Anfang der Typografie.

 

Charlotte Erdmann

Unsere Autorin Charlotte Erdmann, Geschäftsführende Gesellschafterin bei Solokarpfen Publishing UG. ©viaprinto (Bild: Matthias Martin)