Blog Titel Typografie ©viaprinto

 

 
 
 
 

Startseite

>

Plädoyer für eine bessere Leserlichkeit.

Blog Titel Typografie ©viaprinto

viaprinto-Wissen: Typografie

Plädoyer für eine bessere Leserlichkeit.

Es gibt Studien darüber, dass Schriften mit Serifen besser und damit schneller zu lesen sind. Serifen geben dem Auge Halt, lassen das Muster der Worte einfacher erkennen. Serifenfonts werden deshalb mit Vorliebe für lange Texte eingesetzt. So will es zumindest das Lehrbuch.

Dem stehen die serifenlosen, die Grotesk-Schriften gegenüber. Auch sie verwendet man inzwischen für lange Texte, denn sie sind modern. Aber sind sie auch leserlich? Die Forschung sagt: eher weniger. Der Leser sagt: Kein Problem, denn was wirklich zählt ist das Look-and-Feel, das Gesamtbild.

Leserlichkeit oder Lesbarkeit?

©AvantGarde_logo_Wikipedia
Die Gestaltung der Buchstaben, Zeilen und Flächen beeinflussen die Leserlichkeit eines Textes. ©AvantGarde_logo_Wikipedia

Im Grunde haben beide Recht, Leser und Forschung: Je schneller ein Text nämlich zu lesen ist, desto leserlicher ist er. Je besser er zu lesen ist, desto lesbarer ist er. In der Typografie spricht man deshalb oft von der Lesbarkeit eines Textes. Gemeint ist aber – zumindest aus typografischer Sicht – lediglich die Leserlichkeit, also die Schnelligkeit des Lesens. Sie ist nur ein Aspekt von vielen für eine gute Lesbarkeit. Die Leserlichkeit definiert sich durch die Gestaltung der Buchstaben, Zeilen und Flächen – oder eben einfach das gute Aussehen der Schrift. Ob man dafür einen Font mit Serifen oder ohne einsetzt, darüber lässt sich streiten. Zumindest unter Typografen gibt es seit Jahrzehnten einen heftigen Disput dazu.

Schrift muss Charakter haben

Zahlreiche Studien gab es zu dem Thema und alle sind sich mehr oder weniger einig darin, dass es für die Lesegeschwindigkeit kaum Unterschiede zwischen Serifen und Serifenlos gibt. Richtig ist, dass Serifen sich besser erkennen lassen. Richtig scheint aber auch, dass serifenlose Schriften auf Bildschirmen besser zu lesen sind. Das ist zumindest dann der Fall, wenn man kein Retina-Display vor sich stehen hat, das die fein ziselierten Serifen richtig wiedergeben kann. Allerdings gibt es inzwischen auch Studien, die zeigen, dass selbst verunstaltete Schriften immer noch lesbar sind. Eines scheint bei all dem klar zu sein: Eine gute Schrift muss gut zu lesen sein. Sie muss aber auch Charakter besitzen, ohne an Leserlichkeit einzubüßen. Für Schriftgestalter heißt das, mit oder ohne Serifen Zeichen zu entwerfen, die schön, anmutig, kreativ und inhaltsorientiert sind. Sie müssen sich gut miteinander kombinieren lassen und dabei doch attraktiv bleiben. Man könnte auch von einem „visuellen Mantra“ sprechen, oder eben einfach nur von einem guten Schriftschnitt. Der muss neben gut gestalteten Buchstaben aber noch einiges mehr aufweisen, um erkennbar und leserlich zu sein.

Von Unterscheidungen, Ligaturen und Spezialschnitten

Hier kommen wieder der Schriftdesigner sowie der Setzer ins Spiel, die bei Fonts nicht einfach Buchstaben aneinander reihen sollten. Stolperfallen beim Lesen entstehen beispielsweise, wenn zwei Buchstaben mit Oberlängen ohne Ligatur, also einen Buchstabenverbund, aneinander gesetzt werden. Treffen f, l, i oder t aufeinander, sollten sie zusammenrücken, die Lücke schließen. Sie bilden dann eine sogenannte Glyphe. Im Deutschen sind vor allem ff, fi, fl und ft Kombinationen, für die im Font Ligaturen hinterlegt sind. Ligaturen werden aber auch für den Einsatz von Unterschneidungen benötigt. Beide – Ligaturen und Unterschneidungen – vermeiden Leerräume im Satz. Das wiederum hat einen positiven Einfluss auf die Leserlichkeit und damit den Lesefluss. Sie sind also ein wichtiges Instrument für jeden, der mit Schrift arbeitet. Und das ist nicht nur der Schriftdesigner.

©AvantGarde_logo_Wikipedia
Dieses Zeitschriftenlogo zeigt, wie effektvoll Ligaturen und Unterschneidungen sein können.
©AvantGarde_logo_Wikipedia

Auch Setzer, Layouter, Grafiker sollten sich darüber im Klaren sein, dass Schriften manchmal manuell angepasst werden müssen, damit sie leserlich bleiben. Insbesondere bei großen Überschriften muss man am Rechner ein V und ein A mitunter etwas näher zusammenrücken lassen. Nicht immer kann man sich hier auf die Unterschneidungstabellen der Schrift verlassen. Manche Fonts besitzen gar keine solche Tabelle. Und andere verwenden Unterschneidungen dort, wo keine benutzt werden dürfen. So sollten Wortstämme wie bei Stofflager nicht durch die Ligatur „fl“ verbunden sein. Problematisch wird es auch in puncto Leserlichkeit, wenn Sonderzeichen hinzukommen. Dazu zählen Brüche, mathematische Zeichen oder andere spezielle, oft in Fachtexten zum Einsatz kommende Symbole. Für sie gibt es speziell gestaltete Sonderzeichen und Spezialschnitte, die genau festlegen, wie beispielsweise ein Bruch am besten dargestellt wird. Manuelle Eingriffe sind dann kaum noch notwendig, so dass man den Text genauer setzen kann, sauberer – einfach leserlicher.

Charlotte Erdmann
Unsere Autorin Charlotte Erdmann, Geschäftsführende Gesellschafterin bei Solokarpfen Publishing UG. ©viaprinto (Bild: Matthias Martin)

Spricht man von Leserlichkeit müssen aber noch weitere Aspekte berücksichtigt werden. Beispielsweise wie der Mensch Schriften erfasst in Verbindung mit seiner Lesekompetenz. Was es damit auf sich hat, erfahren Sie im nächsten Teil dieser Serie.

Bereits erschienen:

Abstand halten, Raum geben: Größen und Laufweiten von Schriften.
Die Geschichte der Schrift.
Das Schriftzeichen, die kleinste Einheit der Typografie.
Blutsverwandtschaften: Von Schriftfamilien und -schnitten.
Die Einteilung von Schriften.