22
September
2016
Blog Titel Typografie ©viaprinto
viaprinto-Wissen: Typografie

Gleichgewicht der Kräfte: Von Kontrast, Zeilen und Grauwert.

Was kann es Schöneres geben, als ein gutes Buch – in Ruhe gelesen und genossen? Und was kann es Schlimmeres geben, als ein Text, der einen beim Lesen nur noch ins Stolpern bringt? Gründe dafür gibt es genug: ob zu viele Fremdwörter oder eine schlechte Gestaltung. Fachbegriffe wirken irritierend, weil die Worte unbekannt sind und man sie Buchstabe für Buchstabe zusammensetzen muss. Bei der Gestaltung hingegen geht es vor allem um die Komposition der Elemente. Sie muss sich im Gleichgewicht befinden. Harmonie entsteht aus dem Grauwert, der sich aus der gesetzten Schrift ergibt, dem daraus resultierenden Kontrast auf der Position des Textes.

Im Rhythmus: Nicht zu eng, nicht zu weit

Die Gestaltung eines Textes ähnelt der Komposition eines Musikstücks: Sich wiederholende Elemente wechseln sich mit Akzentuierungen ab. Es entsteht ein Rhythmus, den der Leser gerne aufnimmt. Ein Rhythmus, der das Verweilen des Blickes im besten Fall erleichtert und den Lesefluss unterstützt, anstatt ihn zu behindern.

©claudiaheinze_schriftgrau

Nicht zu eng und nicht zu weit. Das Drittelgeviert ist der optimale Wortzwischenraum. ©claudiaheinze_schriftgrau

Der es also dem Auge erlaubt, so viele visuelle Informationen wie möglich mit einem Blick zu verarbeiten.

Hilfreich dazu ist es, Buchstaben wie Wörter nicht zu eng und nicht zu weit zu setzen, auch wenn InDesign die Möglichkeit bietet, den Zeichenabstand zu verkleinern und zu vergrößern. Denn: Haben Wörter zu geringe Abstände, werden sie im Lesefluss oft als ein Wort wahrgenommen. Normale Schriftschnitte setzen deshalb standardmäßig das Drittelgeviert als optimalen Wortzwischenraum ein, wohingegen schmale Schnitte eher die Punzenbreite als Abstand nutzen, also den Innenraum eines Zeichens. Das geschieht automatisch und sollte nur in großen Ausnahmefällen und wohldosiert manuell geändert werden, will man den Lesefluss des Textes nicht verschlechtern.

 

Geviert

Der Begriff „Geviert“ kommt aus dem Bleisatz und bezeichnet ein Quadrat, dessen Seitenlänge der Höhe des Schriftkegels eines Fonts entspricht. Legt man über einen Buchstaben ein solches Quadrat an, erhält man dessen Mindestabstand. Buchstaben mit viel Raum, wie das M, nutzen meist ein ganzes Geviert aus, enge Buchstaben eher Teile davon. Aus dem Geviert werden das Halbgeviert, Drittelgeviert usw. berechnet.

 

Gib Zeile

Auch zwischen den Zeilen ist der richtige Abstand wichtig. Die Leerräume zwischen den Schriftlinien sollten optimal zur Schriftart und ihrer Größe passen. Eine Faustregel: Bei Punktgrößen von 9 bis 12 sind 120 Prozent der Schriftgröße optisch angenehm und gut zu lesen. Anders ist das bei großen Schriften. Hier dürfen die Zeilen ruhig auch mal etwas eng stehen – oder sich sogar überlappen. Das kann mitunter reizvoll wirken, etwa auf Plakaten. Wichtig ist, dass der Grauwert nicht darunter leidet, also das Gesamtbild des Textes. Denn nur eine gleichmäßige Verteilung aller Abstände und Weißräume schafft einen harmonischen Grauwert und macht den Text gut lesbar. Vermieden werden sollten zu eng sitzende Zeilen, weil der Block dadurch dunkler erscheint. Ebenso stört es, einzelne Wörter zu unterstreichen oder zu fetten. Darüber„stolpert“ das Auge ebenso, wie über zu eng gestellte Worte.

Harmonisch flattern

©flickr_lilium-eleven

Für ein schönes, entspanntes Lesevergnügen, sollten die Zeilensetzer genau hinsehen. ©flickr_lilium-eleven

Für einen ruhigen Lesefluss ist zudem die Frage von Bedeutung: Flattersatz oder doch lieber Blocksatz? Obwohl der Flattersatz den Text optisch aufreißen lässt, kommen viele Studien zu dem Schluss, dass er die bessere Wahl ist. Denn er gewährleistet den immer gleichen Wortabstand und dementsprechend eine größere Harmonie. Beim Blocksatz hingegen werden die Wörter unregelmäßig auseinander gezogen. Ein ruhiges Lesen ist in diesem Fall nur mit etwas Trickserei im Satz möglich. Auch andere Ausrichtungen sind weniger geeignet als der Flattersatz. So widersprechen rechtsbündige oder mittige Texte unseren Lesegewohnheiten und strengen die Augen zusätzlich an. Nur wer irritieren will, ist mit diesen Ausrichtungen gut beraten.

 

 

Charlotte Erdmann

Unsere Autorin Charlotte Erdmann, Geschäftsführende Gesellschafterin bei Solokarpfen Publishing UG. ©viaprinto (Bild: Matthias Martin)

Wie Striche das Gesamtbild eines gut gesetzten Textes beeinflussen können erfahren Sie in der kommenden Folge dieser Serie.

 

 

Bereits erschienen:

Die Geschichte der Schrift.
Abstand halten, Raum geben: Größen und Laufweiten von Schriften.
Das Schriftzeichen, die kleinste Einheit der Typografie.
Blutsverwandtschaften: Von Schriftfamilien und -schnitten.
Die Einteilung von Schriften.
Plädoyer für eine bessere Leserlichkeit.
Buchstabensalat: Lesen und erkennen.

 

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