{"id":16930,"date":"2022-07-21T09:00:00","date_gmt":"2022-07-21T07:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.viaprinto.de\/blog\/?p=16930"},"modified":"2024-01-26T12:24:38","modified_gmt":"2024-01-26T11:24:38","slug":"designpsychologie-mix","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.viaprinto.de\/blog\/designpsychologie-mix\/","title":{"rendered":"Design-Mix in der Medien-Gestaltung: Wie kam es zur Multistilistik?"},"content":{"rendered":"\n<p>Im Rahmen unserer Serie zur <em>Design-Psychologie<\/em> hatten wir das Entstehen der Schriftsprache und den <em>Iconic Turn<\/em> als neue Bildorientierung behandelt. Im dritten Teil unserer Serie geht es um die heutige Vielfalt der Design-Stile und ihren Stil-Mix. Das hat zu einer Multistilistik gef\u00fchrt, bei der Stilelemente auch miteinander gemischt werden. Ist das Ausdruck gesellschaftlicher Individualit\u00e4t oder gibt es andere Gr\u00fcnde daf\u00fcr?<\/p>\n\n\n\n<p>In der neueren Geschichte des Grafik-Designs und der typografischen Gestaltung etwa ab dem 19. Jahrhundert gab es zahlreiche Design-Stile \u2013 zun\u00e4chst aber als Abfolge nacheinander und weniger nebeneinander. Heute gibt es einen gro\u00dfen Variantenreichtum unterschiedlichster Gestaltungsstile und ihrer Versatzst\u00fccke.<\/p>\n\n\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.viaprinto.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Multistilistik_design.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-16936\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Viele Stile, viel Gestaltungsm\u00f6glichkeiten.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">1. Grafik-Design aus dem Epochen-Archiv<\/h4>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Gestaltungsstile als design-historische Referenz<\/h5>\n\n\n\n<p>Ausgepr\u00e4gte Stilistiken fallen weniger bei der Fernsehwerbung oder bei den Print-Anzeigen-Kampagnen gro\u00dfer Markenartikler auf und mehr bei der Kommunikation kleinerer Unternehmen oder Institutionen. Speziell auch bei zielgruppenorientierten Werbe- und Promotion-Aktionen, bei Events, im Kulturbereich und in den Segmenten<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u201eFlyer\u201c,<\/li>\n\n\n\n<li>\u201ePlakat\u201c,<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eZeitschriftengestaltung\u201c und<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eBuchcover\u201c.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Besondere Relevanz f\u00fcr die Verschr\u00e4nkung von Grafik-Design-Stilen haben Branchen mit Jugendbezug, etwa im Mode- und Lifestyle-Bereich. Bei den Werbekunden mit hoher Reichweite schlagen sich solche Stilistiken oft in der Bebilderung der Drucksachen und Webseiten nieder. Etwa durch den Illustrationsstil oder wenn dort abgebildete Personen einen bestimmten Kleidungsstil pflegen \u2013 versehen mit entsprechenden Accessoires, die zur Jugendkultur passen. In diesem Fall ist die identifikationsstiftende Stilistik in der Bildmotivik enthalten.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Das Web als Medien-Design-Archiv<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>Dabei ist der Vorsprung, den das Web-Design mal vor dem Print-Design hatte, etwas dahingeschmolzen. Denn das <a href=\"https:\/\/www.elmastudio.de\/webdesign-inspiriert-von-grafiken-und-plakaten-der-1950er-jahre\/\">Web-Design<\/a> ist durch die Notwendigkeit vereinfachter mobiler Darstellungsweisen funktionaler geworden. Die schnelle Darstellung auf mobilen Endger\u00e4ten zeigt vielerorts standardisiertes Design. Hier spielen Darstellungsweisen wie Googles \u201eAMP\u201c (\u201eAccelerated Mobile Pages\u201c = vereinfachte beschleunigte Webseiten-Darstellung) oder simple Reader-Darstellungen f\u00fcr Webseitentexte eine Rolle. Das Web als Speicher und Transportmedium von Design-Ideen bietet aber als visueller Tummelplatz wie bei <a href=\"https:\/\/dribbble.com\/stories\/2021\/06\/02\/graphic-designers-tiktok\"><em>TikTok<\/em><\/a> oder als Archiv von Entw\u00fcrfen etwa bei <a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/20745656@N00\/albums\/72157618052021378\"><em>Flick<\/em><\/a><em>r<\/em> eine \u00dcbersicht \u00fcber die unterschiedlichsten Stilistiken.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Design-Einfl\u00fcsse aus anderen Zeiten und anderen Kulturen<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>Zus\u00e4tzlich ist mancherorts ein Einfluss aus anderen Kulturen zu sp\u00fcren. Das Design eines Landes wie Japan inspiriert auf zwei unterschiedliche Weisen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Japan pflegt traditionell in seinem Design einen <a href=\"https:\/\/external-content.duckduckgo.com\/iu\/?u=https%3A%2F%2Ftse1.mm.bing.net%2Fth%3Fid%3DOIP.zFJFduXDBB1QfOLY0JgRIgAAAA%26pid%3DApi&amp;f=1\">visuellen Minimalismus.<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Modernes Design der japanischen Gro\u00dfst\u00e4dte zelebriert Signalfarben und eine \u00fcberbetonte, trashige Version von <a href=\"https:\/\/external-content.duckduckgo.com\/iu\/?u=https%3A%2F%2Fi.pinimg.com%2F736x%2F53%2Fbf%2F76%2F53bf76290ca37f0386a5f0d8db797e01--kawaii-art-kawaii-stuff.jpg&amp;f=1&amp;nofb=1\">Pop-Art.<\/a><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Das ist nur eines von vielen kulturellen Spannungsfeldern, die Wirkung entfalten. Von den <a href=\"https:\/\/img.freepik.com\/vektoren-kostenlos\/bunter-mandala-designhintergrund-des-luxusornaments_157027-271.jpg?w=740&amp;t=st=1656862027~exp=1656862627~hmac=f198d140d8464fb73ff576bffbe44146e60d9a218230629206f1049e808dc56c\">geometrischen Mustern des Islam<\/a> gepr\u00e4gte Stilelemente geh\u00f6ren beispielsweise ebenso dazu wie ein afrikanisch gepr\u00e4gtes Ethno-Design. Dabei dreht sich das <a href=\"https:\/\/www.wuv.de\/Archiv\/Warum-werden-Designs-aus-vergangenen-Zeiten-wieder-modern\">Rad der Inspiration<\/a> so schnell, dass viele Bez\u00fcge und Ankl\u00e4nge nicht rezipiert werden. Einiges in der Modefotografie, auf Musik-CD-Covern, Zeitschriften- oder Buchtiteln stellt Bez\u00fcge zu Design-Klassikern her.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachfolgend einige Beispiele gel\u00e4ufiger Design-Stile:<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">2. Beispiele f\u00fcr Design-Stile im Medien-Design<\/h4>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Design-Stile der Rationalit\u00e4t und Vereinfachung<\/h5>\n\n\n\n<p>Minimalistisches Design ist \u201ereduktionistische Sachlichkeit\u201c. Dabei wird nur das f\u00fcr den Ausdruck unbedingt Erforderliche eingesetzt. Der Designer stellt sich im Entwurfsprozess permanent die Frage: \u201eWas kann ich weglassen?\u201c Die Aussagen \u201eWeniger ist mehr\u201c oder \u201eForm follows function\u201c kommen hier besonders zum Tragen.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong><em>Flat Design:<\/em><\/strong> Als Unterkategorie des Minimalismus wird hier bewusst zweidimensional, formal stark vereinfacht und mit einem reduzierten Farbkanon gearbeitet. Wichtig ist die klare Formensprache. Die Varianten des Flat Design hatten wir in einer Artikelserie behandelt: <a href=\"https:\/\/www.viaprinto.de\/blog\/flatdesign\/\">Folge1<\/a> l <a href=\"https:\/\/www.viaprinto.de\/blog\/2tedimension\/\">Folge 2<\/a> l <a href=\"https:\/\/www.viaprinto.de\/blog\/longshadow\/\">Folge 3<\/a> l <a href=\"https:\/\/www.viaprinto.de\/blog\/flatdesignwurzeln\/\">Folge 4<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><strong><em>Geometrisches Design:<\/em><\/strong> Dominante Verwendung der <a href=\"https:\/\/img.freepik.com\/vektoren-kostenlos\/geometrisches-design-wandtapete_23-2148701572.jpg?w=826&amp;t=st=1656862316~exp=1656862916~hmac=c7b4f95622b41197aa4059020f086781b5dcc9121c4b8467f8b0f89f8d6a43fd\">einfachsten Grundformen<\/a> Kreis, Quadrat und Dreieck sowie von Oval und Rechteck. Symmetrie spielt eine Rolle, ebenso der Einsatz von vertikalen und horizontalen Linien.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Design-Stile der Jugendkultur bzw. Jugendbewegungen<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>Ob K-Pop, Punk, Grunge oder Heavy Metal: Jede neue Musik-Lifestyle-Str\u00f6mung oder Jugendkultur findet im Mediendesign ihren Ausdruck. Einerseits ist dies gepr\u00e4gt durch die Verwendung bestimmter Symbole und Motive. Andererseits vermittelt die Stilistik eine Atmosph\u00e4re, die mal poppig bunt ist, mal schwer und d\u00fcster oder avantgardistisch. Die Jugendkulturen kommen und gehen. Auff\u00e4llig ist aber, dass bestimmte Ausdrucksformen bestehen bleiben. Sie werden zu Elementen in einem ewigen Stilistik-Werkzeugkasten, aus dem sich viele Designer bedienen. Solche \u201eWerkzeugk\u00e4sten\u201c findet man nach wie vor in Form von Design-B\u00fcchern, Fachzeitschriften und Ausstellungen sowie auf Webseiten, in der Bildersuche einer Suchmaschine oder in Bilder- und <a href=\"https:\/\/www.pinterest.de\/ideas\/retro-grafikdesign\/905723627023\/\">Design-Sammlungen auf <em>Pinterest<\/em><\/a><em>.<\/em> Solche Stile sind z.B.:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong><em>Steampunk-Design:<\/em><\/strong> Hier dominieren seit den 1980er-Jahren motivisch Maschinen und technisch anmutende Elemente, die eine Mischung zwischen Science-Fiction und der <a href=\"https:\/\/images-platform.99static.com\/HLHX-AXjYdh_VWnXG1Y4y_uDhLQ=\/166x22:739x595\/fit-in\/500x500\/99designs-contests-attachments\/35\/35794\/attachment_35794336\">Retro-Anmutung des Mechanischen<\/a> bilden. Dieser Stil ist in erster Linie ein Illustrationsstil, der mit Versatzst\u00fccken der viktorianischen Epoche (1837-1901) spielt und in die Gestaltung Ornamente integriert.<\/li>\n\n\n\n<li><strong><em>Techno-Design:<\/em><\/strong> Aus den 1980er- und 1990er-Jahren stammt \u201eTechno\u201c als Elektronik-Tanzmusik. Es entwickelte sich daraus eine eigene Jugendkultur, deren Grafik-Design von poppig-bunt bis extrem chaotisch und \u00fcberladen reichte. Zu Rave- oder Techno-Events sieht man immer noch Drucksachen mit entsprechendem Design. Stilbildend daf\u00fcr war die <a href=\"https:\/\/xplicit.de\/frontpage-h-r\/\">Zeitschrift \u201eFrontpage\u201c<\/a> (1989-1997) mit ihrem Art Director Alexander Branczyk.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Design-Stile des Computer-Zeitalters<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>Grafik-Computer und ihre Software bringen bis heute neue M\u00f6glichkeiten f\u00fcr das Gestalten hervor. Vor allem hat sich das auf die Darstellungsweisen von Grafiken und Icons ausgewirkt und eine neue \u00c4sthetik gepr\u00e4gt. Die beiden nachfolgenden Stile sind Illustrationsstile.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong><em>3D-Design:<\/em><\/strong> R\u00e4umlichkeit, Schattenwurf, <a href=\"https:\/\/design4users.com\/3d-illustrations\/\">Spiegelung, Farbverlauf und Lichtwirkung<\/a> werden hier meist auf eine Illustration oder ein Piktogramm angewendet, das so dreidimensional wirkt. Urspr\u00fcnglich, war es ein Seherlebnis, den r\u00e4umlichen Naturalismus nachzuahmen, was softwaregest\u00fctzt vor den 1990er-Jahren kaum m\u00f6glich war. Speziell f\u00fcr das Interface-Design bez\u00fcglich der App-Symbole auf Handys und Smartphones war dies angesagt. Dieses Nachempfinden naturalistischer R\u00e4umlichkeit wird \u201e<a href=\"https:\/\/www.viaprinto.de\/blog\/stilistik-1\/\">Skeuomorphismus<\/a>\u201c genannt.<\/li>\n\n\n\n<li><strong><em>Low-Poly-Art:<\/em><\/strong> Ein Illustrationsstil, bei dem Polygone eingesetzt werden. Meist wird ein Foto <a href=\"https:\/\/cdn.juegostudio.com\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/lowPoly-art-img.jpg\" data-rel=\"lightbox-image-0\" data-rl_title=\"\" data-rl_caption=\"\" title=\"\">illustrativ in Farbdreiecke<\/a> aufgel\u00f6st und dadurch vereinfacht. Visuell wirkt das wie das fl\u00e4chige Drahtgitter-Modell eines 3D-Programmes: geometrisch, technoid, niedrigaufgel\u00f6st-vereinfacht, k\u00fcnstlerisch.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Design-Stile mit Bezug zu Design-Traditionen<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p><strong><em>Vintage- und Retro-Design: <\/em><\/strong>Diese Kategorie ist eine Sammel-Kategorie f\u00fcr unterschiedliche \u00e4ltere Stile. Hier kommt es im Zusammenspiel von Gestaltung und Zielgruppe auf den <em>anachronistischen Effekt <\/em>an \u2013 also auf das im aktuellen Zusammenhang unerwartet Neue des alten Stils. Stilistiken k\u00f6nnen weit zur\u00fcckreichen. Was als \u201eretro\u201c oder \u201evintage\u201c empfunden wird, wechselt von Zeit zu Zeit. Es kann Anleihen bei Jugendstil (1890-1910) und Art Deco (1920-1940) geben, ebenso bei den pastellfarbenen Farbfl\u00e4chen oder Mustern der <a href=\"https:\/\/i.pinimg.com\/564x\/56\/4f\/78\/564f78b88f9f59e4dfeaa895cc6d7a23--vintage-graphic-vintage-design.jpg\" data-rel=\"lightbox-image-1\" data-rl_title=\"\" data-rl_caption=\"\" title=\"\">1950er-Jahre<\/a>-Rock\u2019n\u2019Roll-\u00c4ra oder beim bunten <a href=\"https:\/\/www.retroavangarda.com\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Wilson.jpg\" data-rel=\"lightbox-image-2\" data-rl_title=\"\" data-rl_caption=\"\" title=\"\">Psychedelic-Design<\/a> der 1960er-Jahre. Entscheidend ist die im Verh\u00e4ltnis zum jeweiligen Status Quo klare Andersartigkeit des Visuellen. Diese Design-Auffassung kann je nach Einsatzzweck liebevoll ernst gemeint sein oder auch augenzwinkernd. Beliebte Referenz-Jahrzehnte sind die <a href=\"https:\/\/onufszak.com\/neo-psychedelia\">1960er-Jahre,<\/a> 1970er-Jahre und 1980er-Jahre.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der Design-Stil als spezifische Ausdrucksform<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>Man sieht an den oben aufgef\u00fchrten Beispielen bereits zwei Konstanten:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong><em>Individuelle Ausdrucksform:<\/em><\/strong> Neue Generationen kreieren einen eigenen Ausdruck, der zun\u00e4chst aus einem Lebensgef\u00fchl kommt. Dieses Lebensgef\u00fchl hat als prim\u00e4re Ausdruckstr\u00e4ger meist <em>Musik<\/em> und <em>Mode.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><strong><em>Eigener Design-Stil:<\/em><\/strong> Untrennbar damit verbunden ist ein Design-Stil, der sich auch auf die Mediengestaltung und die Formensprache der Drucksachen auswirkt. Gerade bei Flyern und Plakaten im Eventbereich zeigt sich eine stilistische Vielfalt.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Die Funktionen solcher visuellen Ausdrucksformen sind <em>Abgrenzung<\/em> und <em>Identit\u00e4ts-Stiftung<\/em>. Eine kulturelle Bewegung will mit nichts verwechselbar sein. Dem entsprechend entwickeln sich Stilistiken, die auf der Suche nach dem Neuen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo in den Anfangstagen des modernen Grafik-Designs vieles noch nicht ausprobiert worden war und Formen und Stile erst erkundet werden mussten, mixt und vermischt man heute seine Inspirationsquellen. Manchmal kommt dabei eine Variante eines vorhandenen Stils heraus, manchmal gem\u00e4\u00df des Collage-Prinzips etwas, das neu wirkt \u2013 selbst wenn es irgendwann schon einmal da war. So reichern sich im Laufe der Jahrzehnte die Ausdrucksformen an, w\u00e4hrend Design-Moden und Jugend-Kulturen kommen und gehen.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Visuelle Reize, die die Aufmerksamkeit aktivieren<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>Aber die \u201eIndividualit\u00e4t des Ausdrucks\u201c bezieht sich nicht nur auf eine bestimmte Generation sondern auf die ganze Gesellschaft. Eine informationsges\u00e4ttigte Gesellschaft haushaltet jedoch mit ihrer Aufmerksamkeit \u2013 und eine beanspruchte Aufmerksamkeit verlangt nach neuen Reizen, um aktiviert werden zu k\u00f6nnen. Je mehr solcher aufmerksamkeitserregenden Reize es gibt, desto schneller dreht sich das Reiz-\/Reaktions-Schwungrad der Wahrnehmung. So haben sich Design-Formen und -Stile schneller und in k\u00fcrzeren Intervallen ver\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.viaprinto.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Designmix_Psychologie.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-16937\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">F\u00fcnf psychologische Ans\u00e4tze f\u00fcr das Gestalten.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">3. Psychologische Mechanismen f\u00fcr den visuellen Ausdruck<\/h4>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Aus alt macht neu \u2013 Multistilistik und Design-Mix<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>Wer Design-Trends ausmachen will, steht heute vor einer Schwierigkeit, weil es lang andauernde, klare Trends nicht mehr gibt. Das liegt an der Schnelllebigkeit des Designs und auch daran, dass st\u00e4ndig alte Trends f\u00fcr die aktuelle Kommunikation recycelt werden. Diese Schnelllebigkeit ist dadurch bedingt, dass permanent Aufmerksamkeitswerte generiert werden m\u00fcssen \u2013 sonst w\u00fcrde in einer Massenkommunikations-Gesellschaft vieles kaum noch wahrgenommen werden. Soviel Neues gibt es aber nicht. Deshalb werden alte Ideen neu aufbereitet.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Zwangsl\u00e4ufigkeiten der Aufmerksamkeits-\u00d6konomie<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>Man sieht dies nicht nur im Design, auch die Kunst oder die <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/pop\/article239529687\/Recycelte-Songs-Warum-die-Popmusik-am-Ende-ist-jetzt-aber-wirklich.html\">Popul\u00e4rmusik<\/a> bereiten alte Ideen neu auf. Es geht nicht mehr nur um das wirklich Neue sondern um die neue Version von etwas. Deshalb haben wir es heutzutage mit einer Multistilistik zu tun, die darauf beruht, dass in einer Aufmerksamkeits-\u00d6konomie immer wieder neue Reize generiert werden m\u00fcssen. Ein Mix neuer und alter Einfl\u00fcsse hat psychologisch betrachtet mit linearer und intermittierender Verst\u00e4rkung zu tun:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong><em>Linear:<\/em><\/strong> Gleichbleibende Impulse verlieren im Laufe der Zeit an Wirkung. Eine lineare Verst\u00e4rkung setzt vorhersehbare Reize, die sich wegen ihrer Regelm\u00e4\u00dfigkeit leicht im informationellen Hintergrundrauschen verlieren k\u00f6nnen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong><em>Intermittierend:<\/em><\/strong> Eine wechselnde Verst\u00e4rkung etwa auf verschiedenen Kan\u00e4len zu verschiedenen Zeiten verankert Botschaften nachhaltiger und birgt den Reiz des Neuen. Da der Mediennutzer aber in seinen Rezeptions-Gewohnheiten auch immer mehr lernt und zum \u201eMedien-Profi\u201c wird, wird es auch hier wichtiger, Aufmerksamkeit zu erregen.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Ein Unternehmen erfindet sich heutzutage visuell in k\u00fcrzeren Intervallen als fr\u00fcher. Erscheinungsbilder wechseln, Logos werden stilistisch immer wieder an den Zeitgeist angepasst. Das ist als eine <em>Strategie des Neuen<\/em> eine intermittierende Herangehensweise.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Aufmerksamkeitsleistung und Konzentration<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>Die Auswirkungen des Lebens in der Reiz\u00fcberflutung sind absehbar: die Gesellschaft wird aufmerksamkeitsschw\u00e4cher. Stellt man sich die Aufmerksamkeit eines Menschen als eine gleichbleibende Gr\u00f6\u00dfe vor, so mussten sich in der Vergangenheit vergleichsweise wenig Reize um diese Aufmerksamkeit bem\u00fchen. Heute teilt sich eine schwer \u00fcberschaubare Anzahl an Reizen diese Aufmerksamkeit, was zu mangelnder Konzentration f\u00fchrt. Deshalb sind gemixte visuelle Reize neue Hingucker, die in Sekunden-Bruchteilen erfasst und bewertet werden \u2013 und so ihre Wirkung entfalten.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Das Bild als Aufmerksamkeits-Beschleuniger<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>Gem\u00e4\u00df des Verhaltens- und Konsumentenforschers Werner Kroeber-Riel  (*1934 \u20201995) dauert die Fixierung (=Fixation) eines gesehenen Bildinhaltes 200-400 Millisekunden, das hei\u00dft, sie ist 1\/5 bis 2\/5 Sekunden lang. Doch besteht die Arbeit der Augen in wesentlichen Teilen nicht aus der ruhigen Fixierung eines Motives, sondern aus st\u00e4ndigen Kleinst-Bewegungen, die in Kreis- oder Vor-und-Zur\u00fcck-Intervallen durchgef\u00fchrt werden und sowohl beim Lesen als auch bei der Bildbetrachtung stattfinden. Je nach Geschwindigkeit und Art werden diese Bewegungen \u201eDrift\u201c, \u201eSakkade\u201c oder \u201eTremor\u201c genannt und deuten nur im Ansatz die Vielfalt und Schnelligkeit der Augenbewegungen an. Ein Sakkade kann 30-90 Millisekunden dauern und ist damit ein Bruchteil so lang, wie die Fixation von bestimmten wichtigen Bildbereichen. Das Auge kann schon in extrem kurzen Zeitspannen etwas wahrnehmen und \u00fcber dessen Relevanz entscheiden \u2013 Wahrnehmungs-Urteile fallen also schnell.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die \u201e7-38-55\u201c-Regel: Wie man Aussagen auffasst<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>Auch der Amerikaner Albert Mehrabian (*1939) hat einen Beitrag dazu geleistet, wie Wahrnehmung funktioniert. Als Psychologe ist Albert Mehrabian bekannt f\u00fcr seine aus den 1960er-Jahren stammende \u201e7-38-55-Regel\u201c. Diese besagt bezogen auf die direkte Kommunikation mit einem Menschen, dass folgende Faktoren f\u00fcr Sympathie-Werte entscheidend sind:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>zu 7% der Wortinhalt,<\/li>\n\n\n\n<li>zu 38% wie die Worte ausgesprochen und betont werden und<\/li>\n\n\n\n<li>zu 55% Mimik und Gestik.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Bei der Mensch-zu-Mensch-Kommunikation gen\u00fcgt also die reine Information nicht. Sie w\u00fcrde nicht ad\u00e4quat wahrgenommen werden, w\u00fcrde der Sprecher nicht z.B. als sympathisch eingesch\u00e4tzt werden. Das l\u00e4sst vermuten, dass auch Texte in einer Drucksache bez\u00fcglich ihres emotionalen Gehalts alleine nicht gen\u00fcgend wirken w\u00fcrden. Bildmotivik und Gestaltungsstil bilden den Kontext der Botschaft und sind entscheidend daf\u00fcr, wie gut sie beim Absender ankommt. Der f\u00fcr die Zielgruppenansprache richtige visuelle Stil entscheidet deshalb mit dar\u00fcber, ob eine Botschaft ankommt. Aber auch grunds\u00e4tzlich werden visuelle Reize vor dem Lesen des Textes vom Menschen priorit\u00e4r verarbeitet.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Dominanz von Sinneseindr\u00fccken<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Wahrnehmung medial vermittelter Inhalte sind drei Sinne entscheidend<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong><em>Sehen<\/em><\/strong> als visuelle Wahrnehmung von Bildern und Text.<\/li>\n\n\n\n<li><strong><em>H\u00f6ren<\/em><\/strong> als auditive Wahrnehmung von Musik und gesprochenen Texten in Videos, bei H\u00f6rb\u00fcchern oder Podcasts.<\/li>\n\n\n\n<li><strong><em>Tasten<\/em><\/strong> als taktile Wahrnehmung, die etwa bei Drucksachen die Beschaffenheit der Papier-Oberfl\u00e4che betreffen kann, Drucklack- oder Folienveredelungen aber vor allem Pr\u00e4gungen, die sich erhaben vom Niveau der Papier-Oberfl\u00e4che abheben.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Das Visuelle ist beim erwachsenen Menschen der prim\u00e4re Sinn. Das ist entwicklungsgeschichtlich erkl\u00e4rbar, weil etwa bei Gefahr das Sehen die wichtigsten Informationen \u00fcber die Beschaffenheit dieser Gefahr liefert. Aber auch etwa bei der r\u00e4umlichen Orientierung inklusive der Selbstverortung und f\u00fcr die exakte Durchf\u00fchrung von Handlungen ist das Sehen entscheidend.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Sehen und Objektwahrnehmung<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>Der Begriff der \u201eObjektwahrnehmung\u201c beschreibt hierbei, worum es beim Wahrnehmen geht: Dabei wird etwas gesehen, erkannt und bewertet. Letzteres bedeutet: Das neu Gesehene wird in Relation zu etwas bereits Bekanntem gesetzt. Tats\u00e4chlich funktioniert das Gehirn in Teilen wie eine Datenbank, wenn das gerade Gesehene mit etwas verglichen wird, das man bereits kennt oder gelernt hat \u2013 oder auch nicht. Entsprechend wird die Aufmerksamkeit entweder kaum oder erheblich aktiviert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das visuell Gewohnte fordert das Auge weniger heraus, kann aber einen Bekanntheits-Effekt nutzen, bei dem sich der Rezipient wohl f\u00fchlt, weil er sich mit der Bildwelt identifiziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel: Nat\u00fcrlich erwartet man in einer Brosch\u00fcre, durch die sich eine Pflegeeinrichtung darstellt, Bilder mit \u00e4lteren Menschen. Ist die Fotoauswahl einf\u00fchlsam erfolgt, kann man sich mit den dort gezeigten Menschen identifizieren und wird in einem ersten Schritt unbewusst emotional f\u00fcr die Einrichtung eingenommen.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Zu klischeehafte Bilder, etwa weil die Abgebildeten wie Filmstars aussehen,<\/li>\n\n\n\n<li>Bilder, auf denen Personen zu gebrechlich wirken oder zu jung sind, k\u00f6nnen diesen Identifikationsprozess behindern oder ganz verhindern.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>F\u00fcr andere werbliche Zwecke kann es entscheidend sein, den Betrachter herauszufordern. Seine Aufmerksamkeit w\u00e4re dann mit etwas zu reizen, dem er sich nicht entziehen kann. Schlie\u00dflich wird sein Blick in einer visuellen Dramaturgie auf das Entscheidende gelenkt \u2013 etwa auf die Kontaktaufnahme oder eine exklusive Dienstleistung.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">4. Fazit: Was tun mit dem Mehr an Gestaltungsm\u00f6glichkeiten?<\/h4>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Reise des Designers vom Einfachen zum Komplexen<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>Die Gesellschaft wandelt sich von der Einfachheit zur Vielfalt. Es gibt mehr Medien, mehr Modemarken, mehr politische Parteien oder mehr Geschlechterrollen. Fast f\u00fcr jeden Gebrauchsgegenstand oder f\u00fcr jedes Lebensmittel gibt es zahlreiche Alternativen. Vielfalt ist mancherorts zu Un\u00fcberschaubarkeit und Orientierungslosigkeit geworden. Die Wahl zu haben, ist dennoch Teil des Selbstverst\u00e4ndnisses unserer Individual-Kultur.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Parallelit\u00e4t des Ausdrucks als visuelles Potenzial<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>Dass viele Grafik-Design-Stile oder Medien-Design-Stile nebeneinander existieren, kann man als Bereicherung ansehen \u2013 wie eine Erweiterung des visuellen Vokabulars. Wo fr\u00fcher ein Stil relativ lange vorherrschte, erfolgt heute ein schnellerer stilistischer Wechsel. So entstehen gestalterische Variationen \u2013 und diese Varianten werden immer weiter variiert und mit anderen Stilelementen angereichert. Die Kopie von der Kopie der Kopie? Der Mix vom Mix des Mixes? Kann ein tradiertes Design alle seine M\u00f6glichkeiten irgendwann ausgereizt haben? Graduell ist das denkbar aber Design vollzieht sich in einem Bezugsrahmen. Entscheidend ist nicht, ob eine Stilistik schon einmal da war, sondern ob sie vor dem Hintergrundrauschen der Wahrnehmungs-Gewohnheiten neue Reize bringt und deshalb die Aufmerksamkeit weckt. Eine Chance f\u00fcr den zeitgem\u00e4\u00dfen Designer besteht also in der Kenntnis der Design-Historie.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Neu-Verortung des Designers<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>Die neue Vielfalt stellt h\u00f6here Anforderungen an den Designer. Vielleicht war es noch nie so herausfordernd wie heute, gestalterisches Neuland zu betreten und seine Position als Gestalter zu finden: Zwischen<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>eigenem Anspruch,<\/li>\n\n\n\n<li>Briefing des Auftraggebers,<\/li>\n\n\n\n<li>Erfordernissen der zu erreichenden Zielgruppe und<\/li>\n\n\n\n<li>der Software, die st\u00e4ndig neue M\u00f6glichkeiten bietet.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Der Designer ist heutzutage nicht mehr nur Kreativer sondern auch ein Lotse im Dschungel der Ausdrucks-Formen. Denn der eine gute Entwurf, der ins Herz des Adressaten trifft, erscheint manchmal wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Wo fr\u00fcher der Kern der Arbeit die Ideenentwicklung war, kann dieser heute durch die Ideen-Suche im endlos gro\u00dfen Archiv des Vorhandenen angereichert werden. Der intelligente Stil-Mix kann so das Neue bringen.<\/p>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kann ein tradiertes Design alle seine M\u00f6glichkeiten irgendwann ausgereizt haben? Das ist denkbar aber Design vollzieht sich in einem Bezugsrahmen. 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