{"id":16872,"date":"2022-07-05T09:00:00","date_gmt":"2022-07-05T07:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.viaprinto.de\/blog\/?p=16872"},"modified":"2024-01-26T13:50:31","modified_gmt":"2024-01-26T12:50:31","slug":"designpsychologie-iconic-turn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.viaprinto.de\/blog\/designpsychologie-iconic-turn\/","title":{"rendered":"\u201eIconic Turn\u201c \u2013 Von der Schriftkultur zur\u00fcck zur Bildkultur?"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Im ersten Artikel unserer Serie zur Design-Psychologie hatten wir die Evolution von der <\/em><a href=\"https:\/\/www.viaprinto.de\/blog\/designpsychologie-schrift\/\"><em>Bildsprache zur Schriftsprache<\/em><\/a><em> behandelt. Doch nach Entwicklungsphasen der vorsprachlichen H\u00f6hlenbilder, der gesprochenen Sprache, der Bildsprache und der Schriftsprache leben wir anscheinend erneut in einer Welt der Bilder. Steuern wir im Digital-Zeitalter des neuen Jahrtausends hinein in eine andere Art von Bild-Kommunikation? L\u00e4ngst ist von einem \u201eIconic Turn\u201c oder einem \u201ePictorial Turn\u201c hin zum Bildhaften die Rede. Was bedeutet das f\u00fcr unsere Kommunikation?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der \u201eIconic Turn\u201c, also die \u201eikonografische Wende\u201c ging ab den 1990er-Jahren in Medien-Diskussionen ein. In den 1960er-Jahren war bereits vom sogenannten \u201eLinguistic Turn\u201c, also der \u201elinguistischen Wende\u201c, die Rede gewesen, die sich auf die Ausschlie\u00dflichkeit der neuen philosophischen Methodik \u201eSprachanalyse\u201c bezog. Analog dazu stellte der \u201eIconic Turn\u201c das Bild in den Mittelpunkt des Erkenntnisgewinns. Der Begriff ist dann popul\u00e4r-kulturell weiter ausgedeutet worden, weil<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>die Mediengesellschaft bildorientierter geworden ist,<\/li>\n\n\n\n<li>mehr mit kurzen Beitr\u00e4gen arbeitete,<\/li>\n\n\n\n<li>textorientierte Leitmedien wie die gro\u00dfen \u00fcberregionalen Tageszeitung zusehends an Auflage verloren haben,<\/li>\n\n\n\n<li>im Internet Verbreitungskan\u00e4le f\u00fcr alle Formen von Bildern geschaffen wurden und<\/li>\n\n\n\n<li>weil das Web den Trend medialer Kurzatmigkeit insgesamt angeschoben hat.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Die Atmosph\u00e4re des Augenblicks scheint weg vom Lesen zu gehen und hin zum H\u00f6ren und zum Sehen \u2013 sogar fast schon weg vom statischen Foto und hin zum Bewegtbild. Denn selbst k\u00fcrzeste Botschaften werden aktuell in Mini-Videos oder in animierten Sequenzen aneinandergeschnittener Fotos mit wenig Text vermittelt. Dies bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die gedruckte Kommunikation.<\/p>\n\n\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.viaprinto.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schrift-zu-bild-2022-1-720x420px-@2x.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-16890\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Oben: Emojis sind ein weltweit verst\u00e4ndliches Piktogramm-System, das es als Merchandise-Artikel sogar in die reale Welt geschafft hat \u2013 hier in Form von Kissen, auf denen man in der informationellen Hektik seine Ruhe finden kann.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Welche Vorteile bietet die Bildorientierung?<\/h4>\n\n\n\n<p>Was zeichnet das Medium \u201eFoto\u201c gegen\u00fcber dem Medium \u201eText\u201c aus? Das Foto beinhaltet Eigenschaften, die zum Teil widerspr\u00fcchlich erscheinen und mit dem Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen Form\/Inhalt, au\u00dfen\/innen bzw. Oberfl\u00e4che\/Hintergrund zu tun haben. Beispielsweise kann das Bild so schnell wirken, weil es das Sichtbare zeigt aber nat\u00fcrlich nicht das Nicht-Sichtbare. Es kann das Gesicht eines Menschen zeigen, tut sich aber schwer damit zu zeigen, was er denkt. Ein Text hat demgegen\u00fcber Schwierigkeiten Oberfl\u00e4chen kurz und zugleich anschaulich zu beschreiben, daf\u00fcr kann er nicht-sichtbare Funktionsweisen erfahrbar machen und darstellen. Wo liegen Vorteile von Fotos und wieso ist es als visueller T\u00fcr\u00f6ffner oder Anreizgeber so wichtig?<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li><strong><span class=\"has-inline-color has-black-color\">Das sofort wahrgenommene Foto<\/span><\/strong><br><strong><em>Schnelligkeit<\/em><\/strong>: Visuelle Reize werden schnell wahrgenommen und vom Gehirn ebenso schnell verarbeitet. Der Erstkontakt mit dem visuellen Reiz erfolgt intuitiv-emotional und unbewusst. Zwar sind Schriftzeichen auch ein visueller Reiz aber Lesen gerade kleinerer und l\u00e4ngerer Texte im Werbe- und Informations-Umfeld erfolgt bewusster und ist langsamer. Augenblicklichkeit f\u00fchrt zur h\u00f6heren Eing\u00e4ngigkeit des Bildes, das ohne besondere Konzentration wahrgenommen werden kann. Der Nachteil von Bildrezeption in einer informations\u00fcberfluteten Gesellschaft ist eine graduelle Oberfl\u00e4chlichkeit. Das Bild wird dann zwar schnell wahrgenommen aber ein Blick auf die Details kann dabei fehlen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong><span class=\"has-inline-color has-black-color\">Das visuell detailreiche Foto<\/span><\/strong><br><strong><em>Konkretion<\/em><\/strong>: Bilder zeigen etwas konkret in allen seinen sichtbaren Details. Beispielsweise bei einem menschlichen Gesicht: Man w\u00fcrde sich besser an ein Foto von einem Gesicht erinnern selbst wenn ein Text auf vielen Seiten jede Falte des Gesichts beschreiben w\u00fcrde. Dabei w\u00fcrde die visuelle Aufnahme des Gesichtes erheblich schneller Funktionieren als das Lesen des Textes, auch weil Texte abstrakter als Bilder sind.<\/li>\n\n\n\n<li><strong><span class=\"has-inline-color has-black-color\">Das erlebbare Foto<\/span><\/strong><br><strong><em>Anschaulichkeit<\/em><\/strong>: Wo Texte etwas beschreiben m\u00fcssten, ist das Foto aus sich heraus anschaulich. Das Bild hat zus\u00e4tzlich eine r\u00e4umliche oder dimensionale Wirkung und vermittelt \u00fcber den Hauptbildinhalt hinaus weitere Informationen. Ein Beispiel: Eine Person steht vor einem Haus, im Hintergrund sind B\u00e4ume zu sehen und spielende Kinder. Die Person ist in diesem Bildmotiv r\u00e4umlich verortet. Der Ort, an dem sie steht, vermittelt weitere Informationen. Dies in einem Text auszudr\u00fccken, w\u00fcrde mehr zeitlichen Aufwand erfordern.<\/li>\n\n\n\n<li><strong><span class=\"has-inline-color has-black-color\">Das aussagekr\u00e4ftige Foto<\/span><\/strong><br><strong><em>Pr\u00e4gnanz<\/em><\/strong>: Bilder werden auch aufgrund ihrer Anschaulichkeit besser erinnert. Eingeschr\u00e4nkt wird dies durch die massenhafte Verbreitung von stereotypen Bildmotiven, die viele Motive wieder austauschbar machen. Dennoch hat das Foto gegen\u00fcber dem Text den Vorteil als kompakte Form und visuelle Einheit deutlicher und pr\u00e4gnanter in Erinnerung zu bleiben.<\/li>\n\n\n\n<li><strong><span class=\"has-inline-color has-black-color\">Das die Wirklichkeit abbildende Foto<\/span><\/strong><br><strong><em>Realismus<\/em><\/strong>: Auch wenn dar\u00fcber zu diskutieren ist, ob ein Foto wirklich die Realit\u00e4t zeigt oder sie eher verschleiert, haftet dem Bild an, die Wirklichkeit abzubilden. Texte k\u00f6nnen die Wirklichkeit des Innenlebens, der Psyche, eines Menschen besser darstellen. Da das Foto so real wirkt, kann es u.U. viel schneller emotionalisieren als ein Text. Die Illustration nimmt zwischen Foto und Text eine Sonderstellung ein. Freie Illustrationen k\u00f6nnen mehr als Oberfl\u00e4chen zeigen, Info-Grafiken Zahlenmaterial veranschaulichen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong><span class=\"has-inline-color has-black-color\">Das vertrauensw\u00fcrdige Foto<\/span><\/strong><br><strong><em>Glaubw\u00fcrdigkeit<\/em><\/strong>: Der dem Foto automatisch unterstellte Realit\u00e4tsbezug f\u00fchrt zu erh\u00f6hter Glaubw\u00fcrdigkeit. Das Foto eines handelnden Menschen erscheint als Beweis, dass dieser Mensch so wie dargestellt gehandelt hat. Die textliche Beschreibung der Handlung k\u00f6nnte mehr in Zweifel gezogen werden.<\/li>\n\n\n\n<li><strong><span class=\"has-inline-color has-black-color\">Das inspirierende Foto<\/span><\/strong><br><strong><em>Assoziation-Offenheit<\/em><\/strong>: Auch wenn ein Foto etwas klar zeigt, ist es bez\u00fcglich Interpretations-M\u00f6glichkeiten viel offener als das Wort, das sich begrifflich festlegen muss. Bez\u00fcglich seiner Abbildungsattribute erscheint das Bild sehr konkret, bez\u00fcglich seiner Bedeutung aber assoziationsoffener als das Wort.<\/li>\n\n\n\n<li><strong><span class=\"has-inline-color has-black-color\">Das zuverl\u00e4ssige Foto<\/span><\/strong><br><strong><em>Verl\u00e4sslichkeit<\/em><\/strong>: Die Frage danach, inwieweit ein Foto die Realit\u00e4t abbilden kann, auch angesichts Filtertechniken oder M\u00f6glichkeiten der Bildbearbeitung m\u00fcndet die Frage nach der Seriosit\u00e4t eines Bildes. Dies ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass eine wesentliche Funktion weit verbreiteter Apps wie <em>Instagram<\/em> oder <em>Snapchat<\/em> die witzige Filterung von Bildmotiven ist. Dort ist das Ziel gar nicht eine realistische Abbildung sondern eine witzig verzerrte, gesch\u00f6nte oder schrille Wirkung. Da Bildbearbeitung weiter vereinfacht wurde, entsteht als Reaktion auf viele Fotos, die man im Internet sieht, die spontane Erstfrage: \u201eIst das echt?\u201c Das hei\u00dft, die Zuverl\u00e4ssigkeit und Seriosit\u00e4t des Bildes steht an einem Kipppunkt. In Teilbereichen hat das Foto sein Image als Darsteller der Realit\u00e4t deshalb eingeb\u00fc\u00dft, in anderen Bereichen wird \u201eehrliche\u201c Fotografie geboten, die auf verf\u00e4lschende Manipulationen jeder Art verzichtet.<\/li>\n\n\n\n<li><strong><span class=\"has-inline-color has-black-color\">Das bewegte Bild<\/span><\/strong><br>In Social Media und auch auf Webseiten verdr\u00e4ngt das bewegte Bild das statische Foto. Kurz-Video-Sequenzen erscheinen noch wirklichkeitsn\u00e4her, aus dem Leben gegriffen und dynamischer als Fotos. Zudem ist hier noch weniger zu lesender Text notwendig, weil der als Audio im Video enthalten ist. Dem Bewegtbild haftet das Image an, weniger gesch\u00f6nt und manipuliert zu sein, also \u201eechter\u201c zu wirken \u2013 auch wenn es mit unter dem Begriff \u201eDeepfake\u201c zusammengefassten Methoden K\u00fcnstlicher Intelligenz m\u00f6glich ist, nicht nur Fotos sondern auch Videos unmerklich zu manipulieren.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Wie funktioniert die Bildorientierung?<\/h4>\n\n\n\n<p><strong><span class=\"has-inline-color has-black-color\">Warum betrachtet der Mensch Bilder?<\/span><\/strong><br>Als Hochleistungs-Werkzeug wird das Auge von folgenden Bildeigenschaften angezogen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong><em>Motivik:<\/em><\/strong> Menschen und im speziellen Gesichter<\/li>\n\n\n\n<li><strong><em>Bildwelt:<\/em><\/strong> Das Motiv kann Teil einer f\u00fcr den Betrachter hoch attraktiven Welt sein, etwa wenn es um Mode oder eine bestimmte Zielgruppen-Zugeh\u00f6rigkeit geht. Ein neues Produkt, von dem man bereits geh\u00f6rt hat, kann einen Anreiz nach Bildmaterial schaffen und so den Suchtrieb aktivieren (=\u201eAppetenz-Verhalten\u201c als Suche nach ausl\u00f6senden Reizen)<\/li>\n\n\n\n<li><strong><em>Bildsprache:<\/em><\/strong> Unabh\u00e4ngig vom Motiv des Bildes kann die Art der Darstellung einen Reiz aus\u00fcben. Das betrifft technische Aspekte wie HDR-Fotografie, extreme Weitwinkel-Fotos oder die \u00c4sthetik, wenn es um Ausleuchtung, Schattenwurf, oder eine zur\u00fcckgenommene oder \u00fcberbetonte Farbgebung geht. Im Illustrationsbereich w\u00e4re der originelle Zeichenstil ein Merkmal, das das Auge f\u00fcr sich einnehmen k\u00f6nnte.<\/li>\n\n\n\n<li><strong><em>Farben:<\/em><\/strong> Bildbereiche mit einer bestimmten Farbwirkung k\u00f6nnen herausstechen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong><em>Gr\u00f6\u00dfe:<\/em><\/strong> Die Darstellungsgr\u00f6\u00dfe von Bildern aber auch etwa von \u00dcberschriften kreiert einen \u201eHingucker\u201c.<\/li>\n\n\n\n<li><strong><em>Neues:<\/em><\/strong> Allgemein kann das Auge durch die Konfrontation mit etwas Ungew\u00f6hnlichem bzw. noch nie Gesehenen angesprochen werden.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p><strong><span class=\"has-inline-color has-black-color\">Der Prim\u00e4reffekt und die Bildwahrnehmung<\/span><\/strong><br>Die menschliche Wahrnehmung setzt Priorit\u00e4ten: Fotos und alle Arten von Bildern werden zuerst wahrgenommen, dann erst der Text. In der Psychologie wird der sogenannte \u201ePrim\u00e4reffekt\u201c beschrieben. Dabei wird zuerst Wahrgenommenes besser erinnert. An Informationen, die danach eingehen, erinnert man sich schlechter. Wendet man diese Wirkweise auf die Reihenfolge von Bild und Text an, ist klar, warum Bilder so wichtig sind: Man erinnert sich als visuelles Element, das schneller wahrgenommen wird, nicht nur besser daran. Die Erstwahrnehmung formt laut Prim\u00e4r-Effekt auch den Eindruck und die Meinungsbildung. Das hei\u00dft, bei einem grafischen Entwurf hat die Bildwirkung entscheidenden Anteil auf die atmosph\u00e4rische Wirkung der Gesamtdrucksache. Unabh\u00e4ngig vom Inhalt, kann der Ersteindruck eine Bereitschaft und Offenheit f\u00fcr die weitere Informationsaufnahme formen \u2013 oder im Gegenteil, diese einschr\u00e4nken. F\u00fcr den schnellen Erstkontakt zwischen Drucksache und Rezipient kommt also dem Bild die entscheidende Rolle zu.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><span class=\"has-inline-color has-black-color\">Gro\u00dfe \u00dcberschriften mit Hybrid-Wirkung?<\/span><\/strong><br>Es sei aber darauf hingewiesen, dass sehr gro\u00dfe \u2013 vor allem kurze \u2013 \u00dcberschriften zwar aus Buchstaben bestehen und damit Text sind, von ihrer Wirkung her aber \u00e4hnlich wie ein Bild wahrgenommen werden. Die Voraussetzung daf\u00fcr ist eine das gewohnte Ma\u00df sprengende Gr\u00f6\u00dfe und die Kompaktheit der Aussage. Au\u00dferdem kann die Schrifttype das Bildhafte unterst\u00fctzen. M\u00fcsste der Betrachter erst viele Worte lesen, w\u00e4re der Effekt der Sofort-Wahrnehmung unterlaufen. Eine \u00dcberschrift in 200 Punkt, die \u201eHalt!\u201c lautet oder \u201eTu das nicht!\u201c in einer DIN-A4-Anzeige kann \u00e4hnlich schnell wie ein Bild wahrgenommen werden. Blickfang-\u00dcberschriften kann man als Hybride zwischen Bild und Text ansehen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was sind die Voraussetzungen f\u00fcr die Bildorientierung?<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Die Vorteile des Bildes selbst liegen auf der Hand. Auf welche Gegebenheiten und Voraussetzungen treffen diese Eigenschaften nun? Eine \u00dcbersicht:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong><em>Verf\u00fcgbarkeit einfacher Kameratechnik:<\/em><\/strong> Erst durch die Miniaturisierung und Leistungsf\u00e4higkeit der Kameratechnik in Smartphones oder von Kamera-Modellen wie Go-Pros (als Action-Kameras) wurde der Aufnahme- und Publikations-Prozess vereinfacht. Die technische Intelligenz etwa bei schwierigen Lichtverh\u00e4ltnissen oder Nachtaufnahmen hat zus\u00e4tzliche Erleichterungen gebracht \u2013 sowohl f\u00fcr Fotos als auch f\u00fcr Videoaufnahmen. Selbst professionelles Bildmaterial ist in einem vergleichsweise einfacheren Workflow erstellbar.<\/li>\n\n\n\n<li><strong><em>Popul\u00e4r-\u00c4sthetik des Alltags:<\/em><\/strong> Gleichzeitig hat sich die Bild-\u00c4sthetik gewandelt. Das Spontane, Improvisierte wird tendenziell dem Professionellen oder \u00dcber\u00e4sthetisierten vorgezogen. Es gibt andererseits die gegenteilige Tendenz, bei der Bilder bis zur K\u00fcnstlichkeit retuschiert werden, um eine sozial-mediale Traumwelt entstehen zu lassen. Entscheidend ist aber, das viele Bilder gerade aus dem Social-Media-Bereich eine \u00c4sthetik pr\u00e4ferieren, die sich komfortabel mit Smartphones umsetzen l\u00e4sst.<\/li>\n\n\n\n<li><strong><em>Ausweg aus der Reiz\u00fcberflutung und Wahrnehmungs-Effizienz:<\/em><\/strong> Die Beanspruchung des Rezipienten durch Streaming, Gaming, Social Media und Chatten ist hoch. Der Konsum von Bildern und Kurz-Videos ist dabei weniger anstrengend als langes Textlesen. Das Konzentrationslevel ist dabei geringer, die Rezeption u.U. oberfl\u00e4chlicher.<\/li>\n\n\n\n<li><strong><em>Priorisierung von Kurzformen:<\/em><\/strong> Eine weitere Auswirkung medialer Reiz\u00fcberflutung ist die Nutzung kompakter Kurz-Formen: Kurztexte bei Twitter, Kurzvideos bei Snapchat und TikTok oder Foto-Postings bei Facebook \u2013 die Haupt-Aufmerksamkeit wird dabei visuell gebunden.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.viaprinto.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schrift-zu-bild-2022-3-720x420px-@2x.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-16892\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong><span class=\"has-inline-color has-black-color\">Das Emoji als Aussagen unterst\u00fctzendes Bildelement<\/span><\/strong><br>Aber Visuelles hat sich auch anderweitig durchgesetzt: Durchschnittlich 79% der Nutzer in Deutschland reichern laut einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom aus dem Jahr 2021 ihre Chats mit Emojis an.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Davon haben mit 88% den h\u00f6chsten Anteil die 16- bis 29-J\u00e4hrigen,<\/li>\n\n\n\n<li>aber selbst bei den \u00fcber 65-J\u00e4hrigen lag der Anteil noch bei 59%.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Die H\u00e4lfte der Nutzer schicken Emojis sogar oft als alleinige Antwort auf Nachrichten, die sie erhalten haben. Mit den Emojis hat sich weltweit ein Piktogramm-Zeichen-System etabliert, das entfernt an eine moderne Version der Hieroglyphen der alten \u00c4gypter erinnert. Es ist entstanden, weil Frequenz und Quantit\u00e4t der Chatnachrichten als Teil zeitgem\u00e4\u00dfer Medienkultur \u00fcberhandgenommen haben.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Das Bild als Antwort auf die Informationsflut<\/h4>\n\n\n\n<p><strong><span class=\"has-inline-color has-black-color\">Informations-Explosion und Reiz\u00fcberflutung<\/span><\/strong><br>Allein wer t\u00e4glich seinen Suchbegriff in die Google-Suchmaschine eingibt, versucht mit dem Wunsch, relevante Suchergebnisse zu erzielen, die t\u00e4gliche Informationsflut einzud\u00e4mmen. Je mehr Wissen die Menschheit angeh\u00e4uft hat, desto schwieriger ist es geworden, wichtige Informationen von unwichtigen zu trennen. Manchmal kommt das der Suche der Nadel im Heuhaufen gleich. Denn st\u00e4ndig werden weltweit neue Datenberge angeh\u00e4uft.<\/p>\n\n\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.viaprinto.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schrift-zu-bild-2022-2-720x420px-@2x.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-16891\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong><span class=\"has-inline-color has-black-color\">Ray Kurzweils Prognose f\u00fcr die Informations-Explosion<\/span><\/strong><br>Der K\u00fcnstliche-Intelligenz-Forscher Ray <strong>Kurzweil <\/strong>hat 2005 in seinem Buch \u201eSingularity is Near\u201c (auf Deutsch 2014: \u201eMenschheit 2.0. Die Singularit\u00e4t naht\u201c) \u00fcber eine zuk\u00fcnftige K\u00fcnstliche Intelligenz geschrieben. Er prognostizierte einen exponentiellen Anstieg an Daten, Wissen und M\u00f6glichkeiten, sodass im Jahr 2045 eine <em>technologische Singularit\u00e4t<\/em> entstehen k\u00f6nnte. Eine \u201eSingularit\u00e4t\u201c ist in der Wissenschaft ein Ereignis, das ins Unendliche strebt. Hier ist gemeint, dass das exponentielle Wachstum erst des menschlichen Wissens und dann der K\u00fcnstlichen Intelligenz die Gesellschaft grundlegend ver\u00e4ndern k\u00f6nnten. Die KI w\u00fcrde die menschliche \u00fcbertreffen und sich zusehends selbst programmieren und optimieren \u2013 ab da schneller und umfassender, als der Mensch dies tun k\u00f6nnte. <br>Ray Kurzweils Vision ist zugleich ein Blick auf die Handhabbarkeit von Erkenntnissen und Wissen in einem f\u00fcr Menschen un\u00fcberschaubaren Daten- und Informations-Strom. Dieser Umstand wird als \u201eInformationsverschmutzung\u201c bezeichnet, weil man nicht mehr das nutzen kann, was an Informationen wichtig w\u00e4re. So kann es sein, dass in der Informationsflut ein Informationsmangel herrscht, wie Paul K\u00f6niger und Walter Reithmayer in ihrem Buch \u201eManagement unstrukturierter Informationen: Wie Unternehmen die Informationsflut beherrschen k\u00f6nnen\u201c feststellen. Das hei\u00dft: Wo die Informationsf\u00fclle nicht mehr durchschaubar ist, verhei\u00dfen Bilder Eindeutigkeit und Klarheit. Sie bieten so die Verl\u00e4sslichkeit einer Orientierung.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Echtzeit-Kommunikation als Standard<\/h4>\n\n\n\n<p><strong><span class=\"has-inline-color has-black-color\">Lesen als kommunikativer Bremsklotz<\/span><\/strong><br>Eine H\u00fcrde f\u00fcr Echtzeitigkeit und Sofort-Kommunikation ist: Das Lesen. Immer, wenn man etwas lesen muss, erschlie\u00dft sich der Inhalt nicht augenblicklich. Es liegt auf der Hand, dass dieser Umstand auch zu einer Renaissance des H\u00f6rens gef\u00fchrt hat. Nicht nur H\u00f6rb\u00fccher oder Audio-Podcasts befreien den Rezipienten von der Last, lange Texte lesen zu m\u00fcssen. Auch manches Lang-Video auf YouTube ist nicht immer prim\u00e4r als visuelle Botschaft zu verstehen, weil man es n\u00e4mlich nebenbei auch einfach nur h\u00f6ren kann, anstatt es ansehen zu m\u00fcssen. Das hei\u00dft, die Schriftkultur hat sich in Teilbereichen in eine H\u00f6rkultur gewandelt. Der Vorteil des Nicht-mehr-Lesen-m\u00fcssens und anstatt dessen des H\u00f6rens war aber wieder nur durch das internetf\u00e4hige Smartphone m\u00f6glich. So f\u00fchren technische Innovationen zu neuen kulturellen Gewohnheiten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><span class=\"has-inline-color has-black-color\">Die Bildsprache als schnelle Kurzform<\/span><\/strong><br>Echtzeitkommunikation bedingt also mediale Kurzbotschaften. W\u00e4ren n\u00e4mlich die Echtzeit und die technisch erm\u00f6glichten schnellen Reaktionen nicht gegeben, w\u00fcrde manche Kurzform nicht eine solche Wirkung entfalten. Die vielbeachteten \u201eShit-Storms\u201c sind nur als unmittelbare Echtzeit-Reaktionen zu verstehen. Die aktuelle Kommunikation lebt von schnellen Bildern, wobei die Unmittelbarkeit einer direkten Reaktion vor allem digital erfolgt. Auch wenn die Emoticons und Emojis den Sprung in die reale Welt geschafft haben \u2013 etwa als Kissen, Schl\u00fcsselanh\u00e4nger, Kleidungsaufdruck und auch in der Print- und Drucksachen-Welt ein fester Bestandteil geworden sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><span class=\"has-inline-color has-black-color\">Bild-zu-Bild-Kommunikation<\/span><\/strong><br> In den neuen Zeiten kann man auf ein gepostetes Essens- oder Katzenfoto mit einem eigenen Essens- oder Tierfoto antworten oder mit einem Emoji \u2013 unter Umst\u00e4nden ganz ohne Text. Dass man mit einem Bild auf ein Bild reagiert, ist in der Massenkommunikation eine neue Qualit\u00e4t. Die l\u00fcckenlose Online-Pr\u00e4senz bedingt durch Smartphone, Smart-Watch oder Tablet erm\u00f6glichen den bildlastigen Austausch. Dabei erfolgt das Verschicken eines Bildes oder Bildelementes schneller als das Tippen eines Textes. Anstatt das eigene Innenleben verbalisieren zu m\u00fcssen, sind Emojis Platzhalter der Befindlichkeiten \u2013 und das immer nuancierter. Inzwischen gibt es ca. 3.000 Emojis mit plattform\u00fcbergreifender Kompatibilit\u00e4t. Auch in der Business-Kommunikation werden mehr Bilder genutzt: Fotos, Infografiken und Illustrationen sind ein Muss in gedruckten und gebeamten Pr\u00e4sentationen. Viel Text in Brosch\u00fcren ist oft nicht gew\u00fcnscht. Anstatt dessen sollen komplexe Inhalte so visualisiert werden, dass sie schnell verstehbar sind.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Das Ende der Schriftkultur?<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>In Diskussionen \u00fcber das \u201eEnde der Schriftkultur\u201c oder das \u201eEnde des gedruckten Buches\u201c wird der Digital-Wandel kritisch hinterfragt. Es geht aber nicht um deren Ende sondern um deren Relevanz. Also nicht um ein totales Verschwinden sondern um eine \u00c4nderung der Schwerpunkte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der digitale Bereich, der Informationen in nie gekannter Schnelligkeit generiert und ausliefert, kann dies nur tun, weil er nicht die Notwendigkeit hat, Informationen auch physisch bereitzustellen. Immer dann n\u00e4mlich, wenn etwas ausgedruckt oder im Digital- oder Offset-Druck produziert wird, ist es auch physisch in der Welt vorhanden. Dieser Vorgang der \u201eMaterialisierung\u201c von Daten und Informationen kostet Zeit und enthebt die Drucksache der Echtzeitigkeit \u2013 auch wenn neue digitale Workflows den Publikations- und Druckprozess beschleunigt haben. Die Bildorientierung des \u201eIconic Turn\u201c ist inzwischen eng verkn\u00fcpft mit einer neuen Art von Echtzeit-Information, die zwei Voraussetzungen hat:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>permanente Online-sein und<\/li>\n\n\n\n<li>die Verf\u00fcgbarkeit des Multi-Tools \u201eSmartphone\u201c.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Die Ruhe allerdings, Informationen auszuwerten und zu gewichten \u2013 etwa bei der Nachbereitung von Messen \u2013 hat man eher in Form gedruckter Informationen, die verbindlicher wirken.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Fazit: Bildorientierung als neuer Schwerpunkt<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>In der Kommunikation haben sich unterschiedliche St\u00e4rken von Bild und Wort gezeigt \u2013 und auch, wo sie sich unterst\u00fctzen und erg\u00e4nzen k\u00f6nnen. Das Internet ist l\u00e4ngst ein Kanal, der auf mehreren Ebenen visueller als fr\u00fcher funktioniert:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>auf der Ebene multimedialer redaktioneller Anreicherung (vor allem mit Videos, GIFs oder interaktiven Grafiken)<\/li>\n\n\n\n<li>bez\u00fcglich der Bebilderung etwa durch gro\u00dfformatige Fotos<\/li>\n\n\n\n<li>was neue Darstellungs-Technologien anbelangt (wie HTML5)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Auch die moderne Drucksache unterliegt dem Druck, mit Kernbotschaften schneller auf den Punkt zu kommen. Die Drucksache hat den Vorteil einer festgelegten visuellen Dramaturgie, w\u00e4hrend der Nutzer im Internet spontaner und u.U. weniger zielgerichtet durch die Inhalte klickt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mensch ist zu seiner Orientierung auf Informationen angewiesen. Ist die Menge an Informationen un\u00fcberschaubar, nutzt er einfache Signale f\u00fcr eine Erstorientierung, die in der Regel visuell sind. Das Visuelle ist also als T\u00fcr zu weiteren Inhalten wichtiger geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schriftkultur hat sich nicht in eine Bildkultur gewandelt, sondern auch aus der Notwendigkeit heraus, schneller kommunizieren zu m\u00fcssen, ihren Schwerpunkt verschoben. Bleibt der Informations-Druck und erh\u00f6ht sich die Schnelligkeit der Informations-\u00dcbermittlung, kann die Bildorientierung weiter zunehmen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Tipp: Ein Emoji-Font<\/h4>\n\n\n\n<p>Google hat als Gegenmodell zu den vielen bunten Emojis einen visuell verdichteten, schwarz-wei\u00dfen Emoji-Font ver\u00f6ffentlich, der sich <a href=\"https:\/\/fonts.google.com\/noto\/specimen\/Noto+Emoji\">hier herunterladen<\/a> l\u00e4sst. Die Schrift hei\u00dft \u201eNoto\u201c und ist kostenlos.<\/p>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Entwicklungsphasen der vorsprachlichen H\u00f6hlenbilder, der gesprochenen Sprache, der Bildsprache und der Schriftsprache leben wir anscheinend erneut in einer Welt der Bilder. Steuern wir im Digital-Zeitalter des neuen Jahrtausends hinein in eine andere Art von Bild-Kommunikation? L\u00e4ngst ist von einem \u201eIconic Turn\u201c oder einem \u201ePictorial Turn\u201c hin zum Bildhaften die Rede. Was bedeutet das f\u00fcr unsere Kommunikation?<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":16797,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[569,21],"tags":[570,275,439],"class_list":["post-16872","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-psychologie","category-service","tag-designpsychologie","tag-designrichtlinien","tag-grafik"],"mb":[],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.3 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Design-Psychologie: \u00dcber Bild- und Schriftkultur<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"viaprinto Blog | Leben wir in einer Welt der Bilder? \u25b6 Vorteile der Bildorientierung \u25b6 Vom Wandel der Schrift- zur Bildkultur.\" \/>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.viaprinto.de\/blog\/designpsychologie-iconic-turn\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Design-Psychologie: \u00dcber Bild- und Schriftkultur\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"viaprinto Blog | Leben wir in einer Welt der Bilder? 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