{"id":16857,"date":"2022-06-23T10:16:00","date_gmt":"2022-06-23T08:16:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.viaprinto.de\/blog\/?p=16857"},"modified":"2024-01-31T12:32:37","modified_gmt":"2024-01-31T11:32:37","slug":"designpsychologie-schrift","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.viaprinto.de\/blog\/designpsychologie-schrift\/","title":{"rendered":"Die Schrift, das unbekannte Wesen: Wie entstand das lateinische  Alphabet?"},"content":{"rendered":"\n<p><em>In einer neuen Serie widmen wir uns der Design-Psychologie. Design hat viel damit zu tun, worauf der Mensch positiv reagiert und wie seine Aufmerksamkeit zu erregen ist. Hinter die Oberfl\u00e4chen des Designs zu blicken, offenbart deshalb Interessantes. In der ersten Folge widmen wir uns der Frage, wie die lateinische Schriftsprache und ihr Alphabet sich aus der Bildsprache entwickelt haben und welche Mechanismen und Bez\u00fcge dahinterstecken.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Vor der gesprochenen Sprache gab es in der Fr\u00fchgeschichte der Menschheit Gesten und K\u00f6rperhaltungen, die etwas ausdr\u00fcckten. Dann wurden Laute, die aber noch keine Worte waren, unterst\u00fctzend zu Gestik und Mimik f\u00fcr den kommunikativen Ausdruck wichtig. Bereits der <em>Homo erectus<\/em> als Vorl\u00e4ufer des <em>Neandertalers<\/em> und damit auch des modernen Menschen <em>Homo sapiens<\/em> hat wohl vor etwa 1,7 Millionen Jahren die bis dahin affen\u00e4hnlichen Laute moduliert und fing an, sie zu differenzieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit den Anf\u00e4ngen der gesprochenen Sprache begann in gewisser Weise das Kommunikationszeitalter, das wir heute eher technisch begreifen. Erst durch das Sprechen war ein informeller Austausch m\u00f6glich, der viel sp\u00e4ter mit der Bildsprache und dann mit der Schriftsprache zu einer nachhaltigen Kommunikation f\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Vorteile der Schriftsprache<\/h4>\n\n\n\n<p>Bedenkt man, dass ein heutiger Sprecher maximal 3 Sekunden vorausplanen kann, was er sagt, liegt der Vorteil einer Schriftsprache auf der Hand. Schriftliches kann ausgearbeitet und \u00fcberdacht werden und viel komplexere Inhalte transportieren als das M\u00fcndliche. Durch die massenhaft verbreitete Schriftlichkeit, vor allem nach dem Buchdruck, wurden letztlich wissenschaftliche Werke m\u00f6glich, wie auch Romane oder andere Drucksachen. Aber auch die Gesellschaft selbst, wurde durch die Schrift geformt: Bereiche wie Politik, Wissenschaft, Rechtswesen oder Vertragswesen w\u00e4ren ohne Schriftkultur nicht m\u00f6glich gewesen.<\/p>\n\n\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.viaprinto.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Hieroglyphen_Buchstaben.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-16859\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Die Entwicklung des Buchstaben \u201eA\u201c von ca. 3.000 v. Chr. bis heute.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Die Entwicklung des Menschen zum &#8222;Schrift-Wesen&#8220;<\/h4>\n\n\n\n<p>Dazu waren einige Entwicklungen n\u00f6tig. Die Genese des heutigen Menschen umfasst etwa 300.000 &#8211; 400.000 Jahre. In dieser Zeit hatten anatomische Innovationen wie die Vergr\u00f6\u00dferung des Gehirns, der aufrechte Gang oder die Ausbildung des Daumens, der das Greifen erm\u00f6glichte, dazu beigetragen, dass aus dem Menschen ein Kulturwesen wurde. Kulturtechniken wie \u201eSchrift\u201c und \u201eMathematik\u201c wurden entscheidend, um die intellektuell-kommunikativen M\u00f6glichkeiten des Menschen zu erweitern. Doch vor dem Siegeszug des Alphabets stand das Bild.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Die ersten Bilder der Menschheit<\/h4>\n\n\n\n<p>In Indonesien wurden 45.500 Jahre alte H\u00f6hlenmalereien gefunden, in Spanien 65.000 Jahre alte von Menschenhand aufgetragene Farbschichten entdeckt. Es liegt also nahe anzunehmen, dass der Mensch \u2013 in seiner Entwicklungsgeschichte inzwischen ausgestattet mit einem immer umfangreicheren kognitiven System \u2013 die ihn umgebende Welt abbilden und damit erfahrbar machen wollte. Dies kann man analog zu einer Wahrnehmungs- Informationsverarbeitung verstehen, bei der Eindr\u00fccke aufgenommen und zu visuellen Ausdr\u00fccken umgeformt wurden. <\/p>\n\n\n\n<p>Voraussetzung daf\u00fcr war unter anderem der aufrechte Gang, der dazu f\u00fchrte, dass die oberen Extremit\u00e4ten auch f\u00fcr feinmotorische Zwecke wie das Malen oder viel sp\u00e4ter das Schreiben zur Verf\u00fcgung standen. Warum die ersten Bilder der Menschheit entstanden sind und welchem Zweck sie dienten, bleibt umstritten. Neben dem k\u00fcnstlerischen Ausdruck bzw. der Visualisierung von Gesehenem oder Erlebtem gibt es zwei weitere Aspekte:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Religi\u00f6ser Ausdruck<\/strong>: Man muss sich die pr\u00e4historische Lebenswelt des Menschen als eine Welt vorstellen, die er zu entschl\u00fcsseln hatte. Er wusste kaum etwas dar\u00fcber, wie die Welt funktionierte und schuf deshalb Glaubenssysteme, die die Welt erkl\u00e4rten. G\u00f6tter, Magie, Mystik und religi\u00f6se Rituale spielten in dieser Zeit als Welterkl\u00e4rungsmodelle eine gro\u00dfe Rolle. Das hei\u00dft, Bilder und Bildzeichen waren zun\u00e4chst Teil von religi\u00f6s gepr\u00e4gten Riten. Zum Verst\u00e4ndnis dieses m\u00f6glichen religi\u00f6sen Ausdrucks in H\u00f6hlenmalereien ist wichtig zu wissen, dass unsere heutige Wissensgesellschaft jung ist und den allergr\u00f6\u00dften Teil der Menschheitsgeschichte hindurch Wissen in seiner heutigen Form nicht verf\u00fcgbar war. Zu glauben, war eine M\u00f6glichkeit der Weltaneignung. Erste Malereien visualisierten diesen Glauben.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Information und Funktion<\/strong>: H\u00f6hlenmalereien k\u00f6nnte man andererseits als eine funktionale Bildsprache begreifen, die Informationen vermittelt, etwa bez\u00fcglich Weiderouten von Jagdtieren oder ihrer Herdengr\u00f6\u00dfe. Auch k\u00f6nnte damit die Art und Weise der Jagd beschrieben worden sein.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">&#8222;Branding&#8220; als Markentechnik und Orientierungsmarke<\/h4>\n\n\n\n<p>Die heutige Welt des Gruppenwesens \u201eHomo sapiens\u201c ist von einfachen Zeichen wie Piktogrammen oder Unternehmens-Logos als Orientierungsmarken gepr\u00e4gt. In der ganzen Menschheitsgeschichte waren Symbole ein kulturell verbindender Bestandteil, der Ver\u00e4nderungen unterworfen war. Ein Beispiel f\u00fcr diesen Wandel: Unter \u201eBranding\u201c versteht man im modernen Marketing \u201eMarkenf\u00fchrung\u201c (\u201eBrand\u201c = \u201eMarke\u201c). Doch mit \u201eBranding\u201c war urspr\u00fcnglich das Einbrennen von Brandzeichen mittels Brandeisen in die Haut von Zuchttieren gemeint. Die Motive solcher Zeichen waren Monogramme oder simple Zeichen. Selbst Menschen wurden noch bis ins 19. Jahrhundert hinein als Straft\u00e4ter gebrandmarkt, ebenso wie ab der Antike (ca. 1.000 Jahre vor und nach Chr.) bis in die Neuzeit hinein Sklaven. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber die Spur des \u201eBranding\u201c endet bei uns nicht im Marketing. Analog zum T\u00e4towieren oder Piercing k\u00f6nnen Farbbrandings auf dem menschlichen K\u00f6rper eine Art von K\u00f6rperschmuck sein. Aber auch im religi\u00f6sen Kontext oder auf Wappen oder Siegeln wurden schon fr\u00fch einfache Zeichen genutzt, um Macht, Herkunft oder weltanschauliche Ausrichtung zu kommunizieren. All dies war Teil einer \u00fcbergreifenden Zeichenverwendung wie sie auch die bildhaften Vorl\u00e4ufer unseres Alphabetes repr\u00e4sentieren.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Zeichen als Orientierungshilfe<\/h4>\n\n\n\n<p>Entwicklungen wie die Schriftsprache haben sowohl einen historischen Hintergrund als auch einen, der in der Funktionsweise der menschlichen Psyche begr\u00fcndet liegt. So ist f\u00fcr das menschliche Individuum zweierlei zentral:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>kommunikativer Austausch und<\/li>\n\n\n\n<li>Orientierung.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Wobei Kommunikation zur Verortung in Gruppe und Gesellschaft beitr\u00e4gt und so allgemein Orientierung erzeugt. Eine Grundlage von Orientierung ist die Klarheit der Informationslage und die Schnelligkeit, mit der Informationen zu bekommen sind \u2013 eine Aufgabe, f\u00fcr die die Arbeit des Designers entscheidend ist. Um sich also in der Welt orientieren zu k\u00f6nnen, strebt die Psyche des Menschen nach Einfachheit. Eine Autofahrt beispielsweise, bei der man nie wei\u00df, ob man links oder rechts abbiegen muss, f\u00fchrt zu Orientierungslosigkeit. Hat man hingegen einen Plan als Orientierungssystem zur Verf\u00fcgung (etwa in Form einer App), das w\u00e4hrend der Fahrt eindeutig und schnell anzeigt, wo man abbiegen muss, f\u00fchlt man sich sicher. <\/p>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr die Orientierung w\u00e4hrend der Autofahrt gilt, gilt auch f\u00fcr die Selbstverortung in der Welt. Dabei gehen Einfachheit, \u00dcbersichtlichkeit und Handhabbarkeit der ben\u00f6tigten Informationen Hand in Hand. Einfachheit, das ist immer auch das Wesentliche, das Unverzichtbare und das Eindeutige. Schriftzeichen beinhalten diese Eigenschaften und bieten \u00fcberdies Pr\u00e4gnanz, also eine unverwechselbare \u00dcberdeutlichkeit der Buchstaben, damit Worte und S\u00e4tze schnell gelesen und geschrieben werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Vom Bild zum Wort: Das Entstehen der Schriftsprache<\/h4>\n\n\n\n<p>Wie ist der \u00dcbergang von der Bildsprache zur Schriftsprache erfolgt? Es liegt zun\u00e4chst nahe, die Welt visuell zu erkunden und in Bildern zu beschreiben. Die Hieroglyphen der \u00c4gypter waren eine Bild- oder Piktogramm-Sprache, bei der zahlreiche Bilder die Welt abbilden und fast wie Bildgeschichten oder Bilderr\u00e4tsel Inhalte transportieren. Unser Schriftsystem hat zwar die Formen dieser Bildsprachenelemente als Ausgangspunkt aber es besteht aus nur noch 26 abstrahierten Buchstaben, auf deren bildlichen Ursprung man kaum mehr schlie\u00dfen kann. Der Zeichenvorrat in anderen Kulturen ist mitunter viel umfangreicher als diese wenigen lateinischen Zeichen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong><em>\u00c4gypten<\/em><\/strong>: aus anf\u00e4nglich 700 Bildzeichen waren im Laufe der Zeit 7.000 geworden<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong><em>China:<\/em><\/strong> Im Chinesischen gibt es heute noch zwischen 3.000 und 5.000 gebr\u00e4uchliche Zeichen aus einem Gesamtzeichen-Reservoire inklusive Varianten von ehemals bis zu 100.000 Zeichen (ab 2. Jahrtausend vor Chr.)<\/li>\n\n\n\n<li><strong><em>Korea:<\/em><\/strong> Das koreanische Hanja enth\u00e4lt zwischen 1.800 und 2.000 Zeichen<\/li>\n\n\n\n<li><strong><em>Japan:<\/em><\/strong> Das japanische Kanji beinhaltet aktuell \u00fcber 2.000 Schriftzeichen.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Die wenigen abstrahierten Zeichen des lateinischen Alphabetes bedeuten eine Simplifizierung zum Zweck schnellerer und niederschwelliger Handhabbarkeit.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Bildhaftigkeit und Abstraktion von Schriftzeichen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Dabei sind etwa die Zeichen chinesischer Schriften teilweise noch bildhaft oft aber auch nicht mehr, weil die Zeichen immer weiter abstrahiert wurden. Das hei\u00dft, die chinesische Schriftsprache enth\u00e4lt sowohl Zeichen, die bildhaft fast wie Piktogramme etwas Konkretes abbilden und andere, deren bildhaften Ursprung man nicht mehr erkennen kann. Auch sind Bildschriften nicht immer so zu verstehen, dass ein einziges Zeichen f\u00fcr einen Begriff steht. Vielmehr werden oft mehrere Schrift-Bild-Zeichen zu einem Inhalt kombiniert. Hierbei haben sich Zeichen ebenfalls von ihrer eindeutigen Bildhaftigkeit entfernt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein verdichtetes Zeichensystem wie unser 26-teiliges lateinisches Alphabet ist demgegen\u00fcber hochgradig abstrahiert. Der Vorteil: Mit vergleichsweise wenigen Zeichen kann man einen praktisch unendlichen Begriffs-Kosmos erschaffen. Demgegen\u00fcber hatten Bildschriften den Nachteil, den Begriffs-Kosmos mit erheblich mehr Zeichen abbilden zu m\u00fcssen. Aus der noch relativ konkreten Aneinanderreihung von vielen piktografischen Bildern als Schriftzeichen etwa in der Hieroglyphen-Schrift wird ein flexibleres System der Kombinatorik weniger Zeichen, die so stark abstrahiert sind, dass sie mit den jahrtausendealten bildhaften Vorl\u00e4ufern kaum noch etwas zu tun haben.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Gesprochene Sprache und Schriftsprache<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Die genaue Entwicklung des Vorl\u00e4ufers der Schriftsprache, der gesprochenen Sprache, liegt im Dunkeln. Sie geht einher mit Ver\u00e4nderungen im Gehirn, dem Nervensystem und anatomischen Weiterentwicklungen etwa des Kehlkopfes. Auch \u00fcber den \u00dcbergang von der Bildsprache wie sie etwa in den \u00e4gyptischen Hieroglyphen verwirklicht war, hin zur Schriftsprache, wei\u00df man vieles nicht, was nicht verwunderlich ist. Denn erst die fl\u00e4chendeckende Nutzung der Schriftsprachen und der Drucktechniken zur massenhaften Verbreitung von Inhalten erm\u00f6glichten die dauerhafte Speicherung von Wissen. Dass dies nicht immer bleibend war, zeigt das Schicksal der Bibliothek von Alexandria in \u00c4gypten, die in den Jahrhunderten vor oder nach Christi die gr\u00f6\u00dfte Ansammlung schriftlichen Wissens darstellte. Sie soll zehntausende oder hunderttausende Schriftrollen beherbergt haben und wurde offenbar vollst\u00e4ndig durch Krieg oder Feuer vernichtet. Sie war in der Antike die bedeutendste Ansammlung verschriftlichten Wissens. Der Zusammenhang zwischen gesprochener Sprache und Schriftsprache ist aber komplizierter, als es den Anschein hat.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wie ist unsere Schrift entstanden?<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Die Form unserer heutigen Schriftzeichen kommt einerseits aus dem Konkreten. Das gro\u00dfe \u201eA\u201c etwa entstammt einer bildhaften Darstellung eines Stierkopfes aus den \u00e4gyptischen Hieroglyphen \u2013 wie fast alle Buchstaben unseres Alphabetes dort ihren Ursprung haben. In der Menschheitsgeschichte haben sich aber die konkreten Zeichen von ihrem bildlichen Ursprung entfernt. Dennoch sollte man im Hinterkopf behalten, dass der Stier als Symboltier nicht irgendein Tier war, sondern das h\u00f6chste Opfertier mit religi\u00f6ser Bedeutung. In den semitischen Sprachen des Mittelmeerraums stand \u201eAlpha\u201c (im Semitischen: \u201eAleph\u201c bzw. \u201eEleph\u201c) eben f\u00fcr diesen Stier, der ehemals M\u00e4nnlichkeit und Fruchtbarkeit repr\u00e4sentierte. In unserem Alphabet ist \u201eA\u201c als ehemals bildhaftes Sinnbild des Ochsen nicht zuf\u00e4llig der erste Buchstabe. Die im \u201eA\u201c abgebildeten H\u00f6rner des Stiers sind zugleich Symbol der Macht, mit formaler Verwandtschaft zu den Spitzen einer Krone. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Buch \u201eSign and Design\u201c (im englischen Original 1961 erschienen, deutsche \u00dcbersetzung 2002) setzt sich der Autor Alfred Kallir mit den Bedeutungs-Urspr\u00fcngen der Buchstaben unseres Alphabetes auseinander und weist vielf\u00e4ltige kulturelle Bez\u00fcge der Buchstabenformen nach.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Stufen der Alphabet-Entwicklung<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Zwischen 4.000 &#8211; 3.000 vor Chr. begann die Geschichte der Alphabet-Schrift auf der Sinai-Halbinsel. Die \u00e4gyptischen Hieroglyphen als Bildzeichensystem waren in dem, was sie ausdr\u00fccken konnten, begrenzt. Zudem war die Schriftkultur damalig kein Massen-Ph\u00e4nomen sondern etwas f\u00fcr wenige Eingeweihte. Es bestand also kulturell eine Folgerichtigkeit in der Vereinfachung und Popularisierung der Schriftkultur. Die Bildzeichen wurden nicht nur gesehen und gelesen sondern auch gesprochen, regten also in ihrem Werden ebenfalls die gesprochene Sprache an. Diese wechselseitige Beeinflussung von Sehen und H\u00f6ren, von gesprochener und gelesener Bildsprache, sollte zur Entwicklung des Alphabetes f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die phonetische Form von Hieroglyphen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>In einem n\u00e4chsten Schritt wurden n\u00e4mlich Teile der Lautwerte von Bildzeichen zur Neubildung von Eigennamen genutzt. Das hei\u00dft, der Klang von Bildzeichen wurde verwendet, um mit der Aneinanderreihung von Bildzeichen Namen wiederzugeben. Ein Beispiel: Der \u00e4gyptische Pharao \u201eNarmer\u201c war vermutlich Herrscher der 1. Dynastie ca. 3.000 v. Chr. Sein Name wurde durch zwei Hieroglyphen dargestellt: Ein Bildsymbol f\u00fcr einen Wels (Fischart), der \u201eNar\u201c ausgesprochen wurde, und ein Symbolbild, das einen Mei\u00dfel zeigte, der \u201emer\u201c ausgesprochen wurde. Aus den Lautwerten f\u00fcr zwei aneinandergereihte Bildsymbole, die ohne weiteren inhaltlichen Bezug \u201eNar\u201c-\u201emer\u201c ausgesprochen wurden, ergab sich so der Name des Pharao Narmer. Auf der n\u00e4chsten Entwicklungsstufe wurden nur noch die Anlaute\/Anfangsbuchstaben durch den Gebrauch \u00e4gyptischer Hieroglyphen repr\u00e4sentiert. Sollte etwa das \u201eA\u201c dargestellt werden, nahm man eine Hieroglyphe, deren erster Buchstabe \u201eA\u201c ausgesprochen wurde und vernachl\u00e4ssige die sonstige Bedeutung des Bildzeichens. Die Hieroglyphe wurde so Platzhalter f\u00fcr einen Buchstaben \u2013 womit im Laufe der Zeit das erste Alphabet gebildet wurde.<\/p>\n\n\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.viaprinto.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Rebus-Prinzip.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-16860\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Oben: Der Firmenname \u201eviaprinto\u201c in Form eines Rebus-Bilderr\u00e4tsels. Dabei werden Bilder zu Lauten und diese partiell zu einem Begriff zusammengesetzt.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Das Rebus-Prinzip<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Die Antwort auf die Frage, wie unser Alphabet entstanden ist, klingt einfacher als sie ist: Es vollzog sich zun\u00e4chst mittels des Rebus-Prinzips, bei dem Bilder in Wortkl\u00e4nge umgewandelt werden. Ein \u201eRebus\u201c ist ein Bilderr\u00e4tsel wie man es heutzutage etwa aus Quizshows kennt. Nachdem Bilder in Laute verwandelt wurden, wurden Laute in ein Alphabet-System \u00fcberf\u00fchrt. Mit den urspr\u00fcnglichen Bedeutungen der Hieroglyphen hat dies nichts mehr zu tun. Es geht nur noch um die Lautqualit\u00e4ten der gelernten Hieroglyphen, mit denen die neuen Inhalte gebildet wurden. Das Rebus-Prinzip hat etwas Spielerisch-Kreatives und etwas Funktionales. Ein gelerntes, kommunikativ eher schwerf\u00e4lliges und aufw\u00e4ndiges System wie die Hieroglyphen wurde in ein funktionaleres, schnelleres Alphabet-System abstrahiert.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Fazit: Von der Keilschrift zur Programmiersprache<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-cyan-bluish-gray-background-color has-text-color has-background\">Bei der Evolution unseres Alphabetes kommt das Prinzip der Vereinfachung zum Tragen. Es ist selbst in der Form der Buchstaben realisiert, die im Laufe der Jahrtausende im Hinblick auf Lesbarkeit immer weiter optimiert wurden. Das 26-Buchstaben-Alphabet ist systematisch vereinfacht gegen\u00fcber den Hieroglyphen, f\u00fcr deren Verst\u00e4ndnis man ca. 800 Bildzeichen kennen musste. Zudem konnten Bildzeichen immaterielle, ideelle und auch komplexe Inhalte nicht oder nur mit hohem Aufwand darstellen, weil Bilder auf allgemein verst\u00e4ndlicher Ebene vor allem Konkretes und Eindeutiges darstellen konnten, etwa Handlungen von Personen. Bis unser Alphabet Gestalt annahm, durchwanderten die Buchstabenzeichen ausgehend von \u00c4gypten und Kanaan die ph\u00f6nizische, die griechische und die r\u00f6mische Kultur. Dabei markiert der \u00dcbergang zwischen Handschrift und maschinell gesetzter oder geschriebener Schrift, der sich im 19. Jahrhundert vollzog, eine weitere Wende. Heute m\u00fcndet dies in die Programmierung von Software und K\u00fcnstlicher Intelligenz, die ohne die Schriften in Tontafeln vor 5.000 Jahren nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer neuen Serie widmen wir uns der Design-Psychologie. Design hat viel damit zu tun, worauf der Mensch positiv reagiert und wie seine Aufmerksamkeit zu erregen ist. Hinter die Oberfl\u00e4chen des Designs zu blicken, offenbart deshalb Interessantes. 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