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12
Oktober
2017
viaprinto-Wisssen

Typografie und Satz im Editorial Design.

Der Schriftsatz ist Handwerk und Kunst zugleich. Man muss um die Wirkung einer Schrift wissen, um sie richtig einzusetzen. Doch Editorial Designer müssen noch viel mehr typografische Details berücksichtigen.

Wer ein Magazin oder eine Zeitschrift gestaltet, muss vieles können: das Setzprogramm beherrschen, die Regeln der Harmonie und Spannungserzeugung im Design kennen und die Interessen der Leserschaft berücksichtigen. Technik und Psychologie sind also gleichermaßen gefragt. Das gilt nicht nur für Satzspiegel, Bildplatzierung und Raster, es gilt auch für die Auswahl der passenden Schrift.

Darauf kommt es an

Die Schrift muss in gedruckten Publikationen immer gut zu lesen und Spaltenumbrüche klar zu erkennen sein. Wichtig ist, dass der Leser Anschlüsse schnell finden kann. Und doch unterscheidet sich der Satz einer Zeitschrift von dem eines Buches deutlich: Kann man im Buch Seite an Seite in der immer gleichen Schrift setzen, fordert der Leser auf Magazinseiten die Abwechslung, ein lebendiges Element, eine klare Abgrenzung der einzelnen Artikel voneinander und das daraus resultierende Spiel mit den Schriften. Das Zusammenspiel der Schriften in einer Zeitung oder einer Zeitschrift bzw. Magazin ist daher ein besonders wichtiges Element, um dem gedruckten Erzeugnis seinen ganz eigenen Charakter zu geben.

Schrift hat Charakter

©PixabayStockSnap_magazine_2559842

Jede Schrift hat ihren eigenen Charakter, weckt unterschiedliche Assoziationen beim Leser. Runde, gebogene Schriften wirken weicher und harmonischer, als beispielsweise eine kantige Schrift. Woran denken Sie bei einer Fraktur? Sicherlich an die Zeit um 1930. Eine Frutiger hingegen wird als modern, wenn auch schon ein wenig angestaubt empfunden. Bei der Wahl der passenden Schrift sollte man also unbedingt auf deren Konnotation achten – auf ihre unterbewusste Wirkung. Das gleiche gilt für die Wahl zwischen einer serifenlosen und einer Serifenschrift. Serifen wirken ernst, seriös und eignen sich gut für längere Textpassagen. Serifenlose Schriften dagegen stehen für kürzere Texte, erscheinen modern und jung. Das alles ist zu bedenken, wenn man sich für einen Font für ein Magazin oder eine Zeitung entscheidet. Die oberste Priorität bei der Schriftwahl sollte aber immer darauf liegen, ob die Fonts gut lesbar sind und ob sie zum Charakter des Magazins passen. So entsteht ein einheitliches, zum Druckprodukt passendes Gesamtbild, das Wiedererkennungswert besitzt.

Die richtige Wahl

Bei der Wahl der passenden Schrift sind darüber hinaus weitere wichtige typografische Fragen zu beantworten: Sollte man mehr als eine Schrift einsetzen? Wie viele sind zu viel? Und wie setzt man welche Schrift wo ein? Um es vorweg zu nehmen: Dazu gibt es keine klaren Regeln, sondern lediglich Empfehlungen. Ebenso wenig wie für die richtigen Schriftgrößen, die zur Spaltenbreite passend gewählt werden sollten. Hier beginnt die Kunst, die ein Editorial Designer beherrschen muss: das Hineinfühlen in die Zielgruppe, die Kenntnis über das genutzte Papier und die Inhalte des Magazins. Ist die Zielgruppe jung, die Inhalte emotional und das Papier glatt, kann eine kleinere, feine Schrift gewählt werden. Das Spiel mit den Schriftschnitten und unterschiedlichen Fonts ist bei der jungen Leserschaft geradezu ein „must have“. Hier kann man mit groß und klein gesetzten Überschriften spielen oder auch im Fließtext Außergewöhnliches wagen, wie eine weiße mit schwarzen Balken hinterlegte Schrift. Saugt das Papier aber viel Farbe auf, sind die Leser älterer Generation oder die Inhalte eher sachlich, sind die Schriften klar, prägnant und markant zu wählen. Sie müssen zum Charakter des Magazins passen, dürfen nicht im saugenden Papier „zusammenlaufen“ oder durch Schnörkel den Lesefluss unterbrechen.

Verbindungen schaffen

©PixabayStockSnap_magazine-2569338

Das Ziel des Editorial Designers ist immer ein geschlossenes Schriftbild, das dabei aber noch Gestaltungsspielraum lässt. Überschriften und Text sollten dazu eine optische Verbindung eingehen, sich aufeinander nicht zuletzt typografisch beziehen – außer man möchte bewusst durch einen Bruch die Aufmerksamkeit erwecken. Bietet die ausgewählte Schrift dazu nicht genügend Schnitte, sollten maximal drei unterschiedliche Schriften eingesetzt werden für Überschrift, Fließtext und Vorspänne bzw. Bildunterschriften. Aber Achtung: Bildunterschriften müssen sich unbedingt vom Fließtext unterscheiden – sei es auch nur durch die Größe. Viele entscheiden sich dafür, die Bildunterschriften kursiv zu setzen, doch das schmälert ihre Lesbarkeit. Oft wird auch ein Condensed-Schnitt als vierter Font für Infokästen oder andere Informationen wie hervorgehobene Zitate eingesetzt.

Unterteilungen bewusst einsetzen

Durch die verschiedenen Schriftschnitte schafft man Unterteilungen. Die Leser haben gelernt, dass eine Überschrift groß und eine Bildunterschrift eher klein ist. Sie lesen gerne zuerst die Überschriften, schauen sich dann Bilder und typografische Hervorhebungen wie Zitate an. Der Editorial Designer kann den Leser mit diesem Wissen bewusst leiten und beispielsweise durch Initialen den Anfang eines neuen Textabschnitts markieren. Das aus dem Buchdruck stammende Initial gibt Orientierung, aber vermeiden Sie dabei die Buchstaben I, J, Q, Y ebenso wie Anführungszeichen. Sie sind als Initial nicht klar zu erkennen. Für eine noch deutlichere Unterteilung werden auch gerne Linien eingesetzt, die sich farblich vom Text unterscheiden. Doch hier gilt ebenfalls: Weniger ist mehr.

Den Lesefluss am Laufen halten

Denn bei einem Zuviel an Unterbrechungen, etwa durch Trennungen oder Einschübe, wird der Lesefluss zu stark unterbrochen. Die Geduld der Leser aber ist dank neuer Lesegewohnheiten durch Internet und Co. eher gering. Deshalb sollten Unterteilungen zwar genutzt werden, das aber in Maßen. Gleiches gilt für die Wahl des Satzbildes: Ob Flattersatz oder Blocksatz hängt von der Leserschaft ab. Ein Flattersatz lässt schnelles, aktives Lesen zu, wirkt aber auch unruhig und unbeständig. Blocksatz dagegen sieht harmonischer aus, behindert aber eventuell durch unterschiedliche Wortabstände den Lesefluss. Hier gilt es also abzuwägen, welchen Charakter das Schriftbild haben soll und ob es zum Magazin oder der Zeitung passt.

 

Ein Tipp: Wer sich bei all dem unsicher ist, sollte einfach mehrere Varianten ausprobieren, diese im Original-Satzspiegel ausdrucken und vergleichen. Denn gedruckt wirken die gesetzten Seiten nochmal anders, als auf dem Bildschirm.

 

Charlotte Erdmann (Bild: Matthias Martin)

Für die Wissensreihe konnten wir die Autorin Charlotte Erdmann gewinnen. Sie hat bereits einige andere Reihen für unseren Blog verfasst. (Bild: Matthias Martin)

Weitere Do’s und Dont’s rund um das Editorial Design werden im letzten Teil dieser Serie erläutert, in dem wir Ihnen „Die 10 wichtigsten Tipps für Editorial Design“ nennen.

 

Bisher in dieser Reihe erschienen:

Die Kunst des Editorial Design – Eine Begriffsklärung.
Die unterschiedlichen Formen des Editorial Design.
Die Unterschiede zwischen den Medien – Online und Print.
Wichtige Faktoren für das Editorial Design.
Newsletter richtig gestalten.
Das richtige Design für White Paper und andere „kleine“ Formate.
Magazine und Co: Die Gestaltung eines verkaufsstarken Print-Covers.
Editorial Design: Die richtige Bildauswahl und -platzierung.

1
August
2017
Top 10

Die 10 wichtigsten Grundregeln für typografisches Gestalten.

Typografie ist die Kunst des Gestaltens mit Schrift. Dabei kann es um Drucksachen gehen, Webseiten oder Leitsysteme in Gebäuden oder im öffentlichen Raum. Aus der Praxis und der Lesbarkeitsforschung lassen sich Regeln ableiten, die die Arbeit gerade am Berufsanfang erleichtern. Wir stellen die zehn Wichtigsten vor.

Das Design macht den Inhalt klarer

Für Gestaltungsgesetze und Designregeln gibt es ein wesentliches Ziel: Der Inhalt soll verdeutlicht werden. Die typografische Gestaltung etwa der Bibel sollte anders ausfallen als die für einen Pizza-Service. Deshalb ermittelt der Designer bei Projektstart, wie die Anmutung der Gestaltung sein soll: zurückhaltend, ernsthaft, appellativ oder plakativ?

Schnelle Lesbarkeit als wichtiges Gestaltungsziel

Schon an diesen Beispielen sieht man die Spannbreite von Grafik-Design und typografischem Gestalten. Für die schnelle Lesbarkeit längerer Texte in Broschüren, Zeitschriften oder Büchern gelten praxiserprobte Regeln. Im Vordergrund steht, einen Text verständlich und zugänglich zu machen. Gute Typografie bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Lesbarkeit und interessantem Erscheinungsbild. Die zehn Regeln dafür stellen wir im Folgenden vor.

 

1. Gestaltungsräume: Inhalte nach Informationsgehalt strukturieren

Bei der Gestaltung geht es nicht nur um die bedruckte Fläche, sondern auch um die leere. Sie verschafft der bedruckten Fläche Raum, um zu wirken – vergleichbar mit einer Kathedrale, die erst so richtig durch den sie umgebenden freien Raum wirkt. Damit das funktioniert, sollten Drucksachen nicht mit Text überladen werden. Es geht bei der Typografie also nicht nur darum, was man gestalten kann, sondern auch darum, was man weglassen kann.

 

2. Schriftart: Welche Schrift hat das passende Profil für mein Projekt?

Verschiedene Schriftarten stehen für unterschiedliche Inhalte. Dabei reichen die Positionen zum Beispiel von sachlichen Schriften für Formulare bis hin zu emotionalen, die durch ihre Verzierungen für eine Glückwunschkarte geeignet sind. Wer ein Gestaltungsprojekt vor sich hat, sollte sich genau überlegen, welchen Eindruck die gewählte Schrift hinterlässt: Soll sie auffallen und einen Inhalt oder ein Image betonen oder soll sie zurückhaltend und nur funktional auf Lesbarkeit hin ausgerichtet sein?

 

3. Anzahl der Schriftarten: Weniger ist mehr

Viele Typografen arbeiten für ihre Projekte oft nur mit einer oder maximal zwei Schriften. Die Kombination von mehr Schriften – drei oder vier – erhöht zwar den Faktor „Abwechslung“, geht allerdings zulasten der Lesbarkeit und schafft Unordnung. In den letzten Jahren wurden Schriftfamilien um immer mehr und neue Schnitte erweitert. Auch gibt es Schriftfamilien wie die Rotis oder die Stone, die in sich Serifenschrift (Antiqua), Serifenlose (Grotesk) und einen Hybrid zwischen beiden vereinen. Schon innerhalb einer Schriftgroßfamilie ist so viel an unterschiedlichen Ausdrucksmöglichkeiten vorhanden.

 

 

4. Schriftkombination: Gegensätze ziehen sich an

Oft kombiniert man eine Serifenschrift (Antiqua) für den Mengentext mit einer Serifenlosen (Grotesk) für die Überschriften. Die Serifenlose kann man auch für Zwischen- und Unterüberschriften oder den Vortext nutzen. Man sollte in der Regel nicht Serifenschrift mit Serifenschrift oder Serifenlose mit Serifenloser kombinieren. Die Wochenzeitschrift „Die Zeit“ bricht zwar diese Regel, indem sie zwei unterschiedliche Serifenschriften benutzt – die Garamond für den Fließtext und die Didot für die Überschriften. Dennoch erzielt sie eine unterscheidende Kontrastwirkung, indem sie die Didot in den Überschriften zum Teil extrem groß setzt.

5. Schriftgrößen: Doppelt hält besser

Die gebräuchliche Schriftgröße für Mengentexte liegt zwischen 8 und 12 Punkt. Anfangs stellt sich beim Gestalten die Frage, welche Schriftgrößen man nutzen soll. Dafür gibt es eine einfache Faustregel: Die Headline sollte zunächst doppelt so groß angelegt werden wie der Fließtext. Bei 12 Punkt Fließtext wäre die Überschrift damit 24 Punkt groß. Die gestalterische Kontrastwirkung kann man erhöhen, indem man die Überschrift im Verhältnis zum Fließtext verdreifacht (= 36 Punkt Schriftgröße).

6. Anzahl der Schriftgrößen: durch Reduktion zu typografischer Klarheit

In der Typografie geht es oft darum, konzeptionell begrenzte Mittel optimal auszuschöpfen. Was für die Anzahl der Schriften gilt, gilt ebenso für die Anzahl der Schriftgrößen. Im Zweifelsfall nutzt man in einer Drucksache nicht mehr als zwei Schriftgrößen: eine für die Überschrift und eine für den Fließtext. Oft kommt für Bildunterschriften eine weitere kleinere Schriftgröße oder ein anderer Schriftschnitt zum Einsatz.

7. Schriftauszeichnung: Regular, halbfett, fett oder extrafett?

Viele bekannte Schriftklassiker existieren in zahlreichen Schriftschnitten. Während man früher mit den Schnitten regular, kursiv, fett und fettkursiv auskommen musste, gibt es inzwischen Light-Schnitte, halbfette oder extrafette. Klassische Typografie geht mit Understatement zu Werk. Sie vermeidet eher Kontraste und betont die Harmonie der Gestaltung. Moderne Typografie-Konzepte gehen einen anderen Weg: Anstatt beispielsweise eine Helvetica regular als Fließtext mit einer Helvetica halbfett in den Zwischenüberschriften zu kombinieren, kann man die Zwischenüberschriften fett setzen, damit sie sich kontrastreicher und damit deutlicher vom Fließtext abheben. Die Überschrift würde dann extrafett gesetzt und wirkt dadurch noch plakativer.

8. Schriftausrichtung: Klare Kante zeigen

Lange war Blocksatz Standard im Zeitungsdruck, allerdings hat der im zeitgemäßen Editorial-Design ein Problem: Sind die Spalten zu schmal und die Worte zu lang, kann es zu unschönen „Löchern“ kommen, das heißt zu zu großen Wortabständen. Blocksatz funktioniert am besten mit bestimmten Schriftarten, Schriftgrößen und Spaltenbreiten. Das ist ein Know-how, das man sich erst aneignen muss. Im Zweifel linksbündig zu setzen, ist satztechnisch die weniger fehleranfällige Lösung. Linksbündigkeit ist auch ein Bekenntnis zu gestalterischer Asymmetrie und lockerer Offenheit des Schriftbildes.

9. Zeilenabstand: Genügend Abstand zu halten, verhindert Satzunfälle

Außer der Schriftgröße ist auch der Raum darunter, der sogenannte „Durchschuss“ für die Lesbarkeit wichtig. Schrifthöhe plus Durchschuss ergeben den Zeilenabstand. Ein Beispiel: 12 Punkt Schriftgröße plus 2,5 Punkt Durchschuss ergeben 14,5 Punkt Zeilenabstand. Der Durchschuss beträgt normalerweise mindestens ein Fünftel der Schriftgröße oder mehr. Längere Textzeilen erfordern aber mehr Durchschuss. Damit eine Zeile vom Auge als Einheit wahrgenommen werden kann, muss der Durchschuss größer sein als der durchschnittliche Wortabstand.

10. Zeilenlänge: Kurze Distanzen nicht auf die lange Bank schieben

Damit das Auge beim Lesen den Faden nicht verliert, darf eine Zeile nicht zu lang sein. Auch zu kurze Zeilen, bei denen das Auge zu oft von Zeile zu Zeile springen muss, sind beim Lesen unbequem. Etwa 10 Worte oder 50 Zeichen können als Richtwert einer Zeilenlänge für die Spaltenbreiten etwa mehrspaltiger Broschüren oder Magazine gelten. Bei einspaltigen Drucksachen kann der Wert auf 70 Zeichen pro Zeile erhöht werden, bei Büchern auf bis zu zwölf Wörter.

 

 

 

28
März
2017
viaprinto-Wissen

Denksport Design: Gestaltungsgesetze und Designprinzipien.

Ambitioniertes Design, ob für Broschüren, Flyer oder Karten, ist eine Aufgabe, die mit Empfinden und Wahrnehmung zu tun hat – und mit Kreativität und gestalterischer Freiheit. Wie kann man Gestaltungsgesetze in der Druckwelt nutzen, ohne seine Freiheit zu verlieren? Design ist kein Zufallsprodukt, sondern korrespondiert auf der Zielgruppenseite mit menschlicher Wahrnehmung. Wir werfen in unserer vierteiligen Serie „Grundlagen der Gestaltung“ einen Blick in die faszinierende Welt der Wahrnehmungsmodelle, die die Basis guten Designs bilden. Ein weiteres Mal haben wir Ralf Wasselowski, Autor aus Essen, für unsere Wissensreihe gewonnen.

 

Vorgaben: Der Horror für den Designer

Regeln? Prinzipien? Gesetze? Was für den Designer auf den ersten Blick nach Bürokratie und Zwang aussieht, kann das Gestalten gerade umfangreicher Drucksachen erleichtern. Auch das Teamwork oder das Gestalten von Drucksachen-Serien und -Reihen werden dadurch qualitativ verbessert. Zusätzlich bringen Festlegungen von Gestaltungsmerkmalen einen Wiedererkennungswert. Denn dann muss man nicht jedes Mal neu über Prinzipien der Seitenaufteilungen, Weißräume oder das Typografiekonzept  nachdenken. Erst der bewusste Umgang mit Gestaltung formt ein professionelles Corporate Design.

designprinzipien_komplex_einfach ©Ralf Wasselowski

Oben links: Komplexe Formen sind interessanter aber langsamer wahrzunehmen. Rechts: Einfachheit bringt Ruhe und Übersichtlichkeit und ist schnell wahrzunehmen. ©Ralf Wasselowski

 

Wie sich Designgesetze, -prinzipien und -regeln voneinander unterscheiden

  • Gesetze: Gestaltungsgesetze beziehen sich direkt auf unsere Wahrnehmung. Sie sind in der Regel wahrnehmungspsychologisch erforscht. Designer lernen die Gestaltungsgesetze und vergessen sie wieder. Dennoch sickern diese ins Unterbewusstsein ein und prägen die intuitive Gestaltung.
  • Prinzipien: Gestaltungsprinzipien spiegeln eine allgemeine Auffassung wider. Während Auffassungen sehr unterschiedlich sein können, sind Gesetze immer gleich. Gestaltungsprinzipien sind abstrakt, das heißt, sie sind dem Alltag etwas entrückt und lenken unsere Aufmerksamkeit auf das große Ganze.
  • Regeln: Zuletzt gibt es die Gestaltungsregeln, die die Gestaltung im Kleinen und Konkreten lenken, etwa in der Typografie. In der Buchgestaltung oder dem Editorial-Design lautet beispielsweise eine klassische Regel, maximal zwei verschiedene Schriftarten in einer Drucksache miteinander zu kombinieren – damit kein Schriftenchaos entsteht.

 

Die kreativen Zwillinge: Korrespondenz von Inhalt und Form

Jede Drucksache besteht aus einem Inhalt und einer Form. Selbst bei Bildern kann man so unterscheiden: was ist darauf zu sehen und was sagt es aus? Man merkt jedoch schon hier, dass die strenge Teilung zwischen Form und Inhalt schwierig ist. Denn die Art und Weise, wie etwas fotografiert wird, verändert die Aussage des Bildes. Wird ein Waldmotiv weich gezeichnet, kann es märchenhafter wirken. Wird dasselbe Motiv kontrastreich fotografiert, wirkt es hart-realistisch. Form und Inhalt existieren auch im Design nicht getrennt voneinander, sondern gehen eine Wechselwirkung ein.

 

Schönheit als Hingucker

Jeder, der verkaufen will, muss seine Kundschaft fesseln. Im Autosalon sind Trümpfe für die Verweildauer der potenziellen Käufer die Formschönheit des Automobils genauso wie seine Features und sein Image. Beim Medien-Design ist das nicht viel anders. Jede Doppelseite einer Drucksache bietet nach Möglichkeit eine Gestaltung, die eine interessante Geschichte visuell ansprechend verpackt. Jedoch ist die Vielfalt der Inhalte und Zwecke und damit auch möglicher Ausdrucksformen schwer einzugrenzen. Beispielsweise kann ein Theater-Konzertprogramm auf klassische Seitenaufteilungen setzen, die die Schönheit der Entwürfe betonen. Ein Flyer für ein Punkkonzert oder ein Heavy-Metal-Konzert setzt dem gegenüber nicht auf Schönheit sondern auf Destruktion und anarchisch-provokative Hässlichkeit. Es kann aber auch sein, dass eine Theateraufführung Punk zelebriert. Dem entsprechend wäre der Flyer dafür auch nicht klassisch schön sondern ebenfalls punkig-provokativ zu gestalten – der Zweck heiligt hier die Mittel. Schönheit entspricht den Sehgewohnheiten. Oft wird visuell aber der Bruch mit diesen gesucht, um größtmögliche Aufmerksamkeit zu erreichen.

Kreative betonen, dass es für gutes Design keine Regeln geben kann. Denn das Design müsse schneller sein als die Sehgewohnheiten und ständig Neues bieten. Für die Werbegrafik mag das vor allem bezüglich der Bildsprache richtig sein. Bei umfangreichen Drucksachen ist anderes gefragt:

  • Harmonie und ein ruhiges Schriftbild, die schnelles Lesen ermöglichen (Buch),
  • Übersichtlichkeit und gute Orientierung (Katalog, Geschäftsbericht),
  • Bereiche, die das Auge herausfordern und ihm andererseits Ruhepausen schenken (Zeitschrift, Broschüre)

 

Gestaltungsprinzipien

Was gestaltet wird, ist durch die Möglichkeiten der Wahrnehmung beschränkt. Die dafür zwei wichtigsten Prinzipien sind:

  • Form follows function

Die Form folgt dem Inhalt: Aber sie interagieren auch miteinander. Die Vermittlung des Inhaltes durch Visualisierung ist das Ziel. Im besten Fall kooperiert der Designer mit dem Texter, sodass ein Inhalt besser mit dem Design korrespondiert.

  • Prägnanz durch Reduktion

Die Einfachheit des Weniger ist mehr. Wir leben in einer Gesellschaft der Informationsüberflutung. Reduktion trennt visuell Wichtiges von Unwichtigem und schafft so Prioritäten für die schnelle Orientierung.

 

Erkenntnisse der Wahrnehmungs-Psychologie

Anfang des letzten Jahrhunderts entstand in Deutschland die Gestaltpsychologie und entwickelte die Gestaltgesetze. Darin wird beschrieben, nach welchen Gesetzmäßigkeiten sich visuelle Einzelteile zusammenfügen. Seinen Anfang nahmen diese Überlegungen 1890 in der Arbeit „Über Gestaltqualitäten“ von Christian von Ehrenfels. Interessanterweise wird darin nicht visuelle Gestaltung behandelt sondern auditive: Es ging um Musik-Melodien, die erkennbar blieben, auch wenn man die Töne in eine andere Tonart überführt hatte. Der Autor folgerte daraus, dass es eine Gesamtgestalt der Melodie gäbe. Die wird auch wahrgenommen, wenn die Qualität der Töne verändert wird. Nicht also die Einzelelemente sind entscheidet sondern die Strukturgesetze, die dem zugrunde liegen. Prägnanter ausgedrückt: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Es geht nicht nur darum, was tatsächlich visuell vorhanden ist, sondern darum, was Wahrnehmung und Gehirn daraus machen.

designprinzipien_seitenlayout ©Ralf Wasselowski

Schematisches Seitenlayout einer Broschürendoppelseite mit Bildern, breiten Textspalten und schmalen Spalten für die Bilderläuterungen. Die Bilder wurden nicht wahllos über die Seite verteilt, sondern mit engen Abständen zueinander zu einem Block als zentralem Hingucker zusammengefasst. Die Bildunterschriften haben ebenfalls einen geringen Abstand zum jeweiligen Bild und einen größeren Abstand zu den breiten Haupttextspalten. So ist ihre Zugehörigkeit eindeutig zu erkennen. Zur Anwendung kommt hier das Gesetz der Nähe. ©Ralf Wasselowski

Die Gestatlungsgesetze nach Max Wertheimer

Inzwischen gibt es etwa einhundert Gestaltgesetze. Wertheimer hatte bereits 1910 eine erste Arbeit vorgelegt, die die Wahrnehmung des Menschen systematisierte. Klassische Gestaltgesetze sind:

  • Gesetz der Nähe: Zusammengehörig erscheinen Elemente, wenn sie geringe Abstände zueinander haben. Durch Abstände werden im Medien-Design visuelle Einheiten gebildet, die das Auge führen.
  • Gesetz der Ähnlichkeit: Zusammengehörig erscheinen Elemente, wenn sie beispielsweise in Form, Farbe oder Struktur einander ähnlich sind.
  • Gesetz der Prägnanz: Einfache, einmalige Formen werden in einer Gruppe gleichartiger Formen prioritär wahrgenommen. Originalität und Alleinstellung sind auch im Grafik-Design alles.
  • Gesetz der Geschlossenheit: Umschlossene Strukturen werden prioritär wahrgenommen. Wir nehmen schneller Einfachheit und strukturierte Ordnung wahr als Komplexität und Zufälligkeit. Dafür müssen Formen nicht vollständig sein. Ein Quadrat wird beispielsweise bereits erkannt, wenn nur seine vier Eckpunkte vorhanden sind. Das Auge tendiert dazu, geschlossene Formen assoziativ zu ergänzen. Dieser Effekt wird im Logo-Design für visuelle Spannung genutzt.

Stephen Palmer formulierte in den 1990er Jahren ergänzend weitere Gestaltgesetze, unter anderem:

  • Gesetz der gemeinsamen Region: Einzelelemente innerhalb abgegrenzter Gebiete werden als zusammengehörig empfunden. Das ist wichtig für die Zeitschriftengestaltung, die mit Infokästen arbeitet, die viele Einzelelemente beinhalten. Hierbei ist auch das Gesetz der Nähe wichtig.
  • Gesetz der verbundenen Elemente: Verbundene Elemente werden als ein Objekt empfunden. Auch dieses Gesetz ist bei der Zeichen- und Logoentwicklung entscheidend.

 

FAZIT:

Die Gestaltgesetze sind Gruppierungsgesetze. Sie behandeln Abstände und legen fest, wie sich visuelle Einheiten im Großen und Kleinen bilden. Das beginnt in der Praxis beim richtigen Zeilenabstand und endet bei den visuellen Sinneinheiten, die den Blick des Lesers auf einer Broschürendoppelseite führen.

 

Ralf Wasselowski

Unser Autor Ralf Wasselowski, er betreibt die Agentur Conceptbüro in Essen, informiert im zweiwöchigen Rhythmus über Designrichtlinien. ©Ralf Wasselowski

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

14
März
2017
viaprinto-Wissen

Interview: Ökologische Nachhaltigkeit mit Design.

Melissa Fiebig lebt und arbeitet in Weimar als freischaffende Grafikdesignerin. Die 29-Jährige hat sich auf Print-Medien spezialisiert und legt dabei ein besonderes Augenmerk auf die Nachhaltigkeit ihrer Werke und layouteten Produkte. Im Fach Visuelle Kommunikation/Visuelle Kultur an der Bauhaus-Universität Weimar hat sie 2014 ihre Masterarbeit über nachhaltiges Print- und Webdesign geschrieben. Diese hat sie als Leitfaden und Handbuch für Gestalter zusammen mit der Druckerei Lokay veröffentlicht unter dem Titel: „Ausflug ins Grüne“. Die freie Journalistin Taalke Nieberding unserer Nachhaltigkeitsserie hat mit ihr über das Thema gesprochen.

 

Für Melissa Fiebig ist Nachhaltigkeit in der Gestaltung wichtig. ©privat

Wahrscheinlich muss man nicht erst bei der Auswahl des Papiers ansetzen, wenn man ein umweltfreundliches Druckerzeugnis plant?

Genau, der Entwicklungsprozess auch im Hinblick auf die Nachhaltigkeit sollte bereits bei der ersten Idee zum Printprodukt beginnen. So können gleich ökologische Aspekte die entscheidenden Gestaltungsmerkmale wie Typografie, Format, Farbgebung oder Drucktechnik beeinflussen. Die Wahl des Papiers und der Druckerei ist der finale Schritt in einem langen Prozess. Entstehen soll immer ein durchdachtes Produkt mit wertvollen Inhalten, denen auch die ästhetische Gestaltung gerecht wird.

 

Das Thema Ökologie liegt Ihnen am Herzen. Weshalb?

Ich versuche, auch im Alltag in einem gesunden Maß auf eine ökologische und nachhaltige Lebensweise zu achten. Irgendwann habe ich mich gefragt, wie ich diese Lebensweise auch in meinem Beruf als Designerin anwenden kann, um die Produkte, die ich gestalte und entwickle, ein stückweit nachhaltiger zu machen.

Wie sind Sie auf das Thema für Ihre Masterarbeit gestoßen?

Ich hatte in der Zeit, als ich auf der Suche nach einem Thema für meine Masterarbeit war, den Eindruck, dass nach dem Prinzip »Aus den Augen, aus dem Sinn« Printprodukte im Allgemeinen in ihrer ökologischen Bilanz schlechter dastehen als digitale Produkte und wollte auch dieser Frage in meiner Masterarbeit nachgehen.

Ein Blick in „Ausflug ins Grüne“. ©Melissa Fiebig

Wie gehen Sie vor, wenn Sie für einen Kunden beispielsweise eine nachhaltige Broschüre layouten?

Ich entscheide oft von Fall zu Fall, wo man an der Stellschraube der Nachhaltigkeit drehen kann. Jeder Kunde hat eigene Vorstellungen an sein Printprodukt, was trotz allem ökologischen Denkens auch berücksichtigt werden muss. Anders als bei meiner Masterarbeit, die gleich mehrere Faktoren der Nachhaltigkeit in der Gestaltung und Umsetzung vereint, kann man bei den meisten Projekten nur einige ausgewählte Aspekte für Nachhaltigkeit mit in den Prozess einfließen lassen. Einer der ersten Entscheidungsfaktoren ist der Inhalt und der Umfang. In Verbindung mit den inhaltlichen Anforderungen entscheide ich dann zusammen mit dem Kunden oder der Kundin, in welcher Farbe gedruckt werden soll: CMYK, einfarbig oder mit Sonderfarben. Einfarbig gedruckt Produkte sparen Ressourcen bei der Plattenbelichtung. Denn nur eine Offsetplatte muss belichtet werden – anstelle von vieren wie im Vierfarb-Offsetdruck CMYK.

Worauf kann in ökologischer Hinsicht noch geachtet werden?

Bei einer Broschüre ist auch die Bindung eine Stellschraube für ein nachhaltigeres Produkt. Beispielsweise gilt eine einfache Klammerhaftung als besonders ökologisch, da hier kein Kleber eingesetzt wird. Und die Heftklammer lässt sich beim Deinking-Prozess einfach herausfiltern. Auch das Format kann entscheidend sein, aber auch wo gedruckt wird – lokale Druckerei, Öko-Druckerei oder Online-Druckerei – und natürlich die Wahl eines zertifizierten Recycling- oder Naturpapiers und einer nachhaltigkeitszertifizierten Druckfarbe. Oft ist es ein Abwägen zwischen inhaltlichen Anforderungen, Gestaltung und Nachhaltigkeit, aber auch des Kostenfaktors.

Wo kann man in Sachen Format ökologisch ansetzen?

Die Wahl des Formates ist an den Auftrag gebunden. Ein Ansatz bei der Format-Wahl basiert auf der Größe des zur Verfügung stehenden Druckbogens – unter der Voraussetzung eines Offsetdrucks, bei hohen Auflagen – und dessen optimaler Ausnutzung. Das Ziel hierbei ist, möglichst wenig Verschnitt zu erzeugen. Ein anderer Ansatz ist es, auf Standard-Formate zurückzugreifen und damit die Möglichkeit zu nutzen, etwa bei einer Online-Druckerei zu drucken. Diese sind oft recht günstig, weil sich hier im Offsetdruck in der Regel mehrere Druckaufträge eine Druckplatte teilen. Das schont nicht nur den Geldbeutel des Kunden sondern auch Ressourcen.

Und wie kann man bei der Typografie Ressourcen sparen?

Es geht auch effektiver: platzsparende Typografie. ©Melissa Fiebig

Es ist möglich, mit einer platzsparenden Schrift den Umfang einer Broschüre zu verringern. Dabei ist jedoch immer zu beachten, dass die Schrift trotz ihrer platzsparenden Eigenschaften gut lesbar bleibt und zudem der Anwendung entsprechend ausgebaut ist – beispielsweise mit Glyphen anderer Sprachen, diakritischen Zeichen, Mediävalziffern und oder Kapitälchen. Zudem ist dabei auch zu prüfen, ob der Umfang um eine sinnvolle Seitenzahl verringert werden kann. Hat man beispielsweise eine Broschüre mit einer einfachen Rückstichheftung, ist es wichtig, dass die Seitenzahl durch vier teilbar bleibt.

 

Nachhaltigkeit sollte mehr an Bedeutung gewinnen, klar. Aber gibt es nicht auch Nachteile, wenn man nach ökologischen Gesichtspunkten grafisch gestaltet? Werden beispielsweise die Gestaltungsspielräume zu sehr beschnitten?

Im Grunde ist jedes Projekt durch bestimmte äußere Faktoren »beschnitten«, wie zum Beispiel die Zielgruppe, der Umfang des Inhalts aber auch die Kosten. Je nach Betrachtung können diese Kriterien aber auch sinnvolle Rahmenbedingungen sein, die das Produkt und die Gestaltung positiv bedingen. Entscheidend ist, was man daraus macht!

 

phototaalke

Taalke Nieberding arbeitet als freie Journalistin in Bonn. Nachhaltigkeit und Umweltschutz gehören zu ihren Schwerpunktthemen. www.taalke-nieberding.de ©privat

 

Das ist der letzte Teil unserer Serie.

 

 

Bisher erschienen:

Klimaneutrales Drucken: Einen Ausgleich für die Umwelt schaffen.
Ökologische Papiersorten.
Wie funktioniert eigentlich Recycling? Und was ist ein Deinkingverfahren?
Umweltfreundliche Farben.
Labels, Zertifizierungen und Siegel für umweltfreundliche Papiere.

 

 

 

 

 

11
August
2016
viaprinto-Wissen: Typografie

Abstand halten, Raum geben: Größen und Laufweiten von Schriften

„Schrift ist eine wunderschöne Gruppe von Buchstaben, nicht eine Gruppe wunderschöner Buchstaben“, sagte einmal der britische Schriftgestalter Matthew Carter. Es ist wie beim Hausbau: Eine schöne Wand an die andere gesetzt, ergibt noch lange kein stabiles Haus. Ein grandios geformter Buchstabe neben dem anderen wird dementsprechend nicht automatisch zu einem wunderschönen Satzbild. „Zweidimensionale Architektur“ nannte der Typograph Hermann Zapf deshalb die Ausgestaltung eines guten Fonts. Was es dabei vor allem zu berücksichtigen gilt? Das harmonische Gesamtbild, bei dem Abstände und Nähe der Buchstaben im Verhältnis zu ihrer Größe gut aufeinander abgestimmt sind.

Laufweite: Nur in der Theorie ein Problem?

Für Johannes Gutenberg war die Harmonie des Schriftbildes noch ein wichtiges Thema. Im Bleisatz musste der Abstand der Buchstaben, die sogenannte Laufweite, genau berechnet werden. Die Laufweite gibt an, wie dicht die einzelnen Zeichen in einem Wort gesetzt sind. Sie orientiert sich an der Breite des Buchstabeninnenraums: Je kleiner die Innenräume, desto kleiner der Buchstabenabstand. Fette Schriftschnitte mit engen Innenräumen sollten also etwas enger gesetzt werden, als magere Schriftschnitte mit großen Innenräumen. In mühevoller Kleinarbeit schnitten die Schriftschneider früher jede Schriftgröße einzeln und optimierten dabei die Zeichenabstände auf die Größe der Schrift. Dadurch ergab sich immer ein harmonisches Gesamtbild, egal ob es sich um eine Überschrift oder einen kleinen Textkasten handelte. Was damals die Schriftschneider erledigten, machen heute die Schriftgestalter. Sie sitzen dabei allerdings am Computer und geben sich mal mehr, mal weniger Mühe, ihre Fonts an alle Gegebenheiten anzupassen.

 

Proportionale und Nichtproportionale Schriften

In der Typografie werden die Proptionalschriften von den Nichtprotportionalen unterschieden. Erstere passen ihre Abstände an die Breite der Zeichen an. Letztere werden unter anderem bei Schreibmaschinen genutzt und jeder ihrer Buchstaben nimmt denselben Platz ein. Das Resultat ist meist ein eher unausgewogenes Schriftbild sowie viel Platzbedarf.

 

Eine Frage des Kernings

Die besser ausgestalteten Fonts besitzen sogenannte Kerning-Tabellen, in denen genau vermerkt ist, welche Laufweite bei welcher Schriftgröße der Computer anwenden soll. Kerning bedeutet „unterschneiden“, was insbesondere bei bestimmten Buchstabenkombinationen wichtig ist. Ein „T“ zu dem ein „e“ im gleichen Abstand wie ein m Spatien ©viaprintozu einem e gesetzt wird, wirkt verloren. Das „e“ muss etwas unter das Dach des T-Striches rutschen, damit sich das ändert. Solche und andere Anpassungen nehmen aber bereits die Schriftdesigner vor und hinterlegen sie in den Kerning-Tabellen. So weiß der Computer theoretisch immer, welche Abstände er wann wählen muss. Denn beim proportionalen Vergrößern der Schrift berechnet das Layoutprogramm neben der Buchstabengröße auch die angepasste Größe der Vor- und Nachbreite der Buchstaben. An den Laufweiten müsste also kaum etwas verändert werden. Doch das ist lediglich in der Theorie der Fall. In der Praxis sind viele Kerning-Tabellen unvollständig, sodass eventuell nur wenige Größen eines Fonts eine entsprechende automatische Anpassung besitzen. Die Folge: Buchstaben rücken bei Überschriften oder sehr kleinen Schriften zu weit aus- oder ineinander. Das beeinträchtigt die Lesbarkeit, sodass eine manuelle Anpassung wichtig werden kann.

 

Optisch oder metrisch?

In InDesign lässt sich das Kerning „metrisch“ oder „optisch“ einstellen. Im metrischen Modus wird die Unterschneidungstabelle der verwendeten Schrift bei der Verkleinerung der Abstände zu Hilfe genommen. Im optischen Modus wird der Abstand von der Zeichenform ausgehend berechnet. Die bessere Wahl ist meist der optische Modus.

 

Die künstliche Laufweite: Spationieren oder Sperren?

So ist es beispielsweise im Versalsatz, also einem Text aus Großbuchstaben, oft notwendig, die Laufweite individuell zu verändern. Überschriften können ansonsten schnell unausgeglichen wirken. Plakate, Verpackungen, Logos und ein anspruchsvolles Editorial Design verlangen dann dem Setzer einiges ab. Für ihn geht es in solchen Fällen ans Spationieren einzelner Buchstaben, also die Erweiterung der einzelnen Buchstabenabstände von Hand.

Schnittlaufweiten ©viaprinto

Schnittlaufweiten

Spationieren kommt von „Spatium“, also Zwischenraum. Und nichts anderes macht man beim auch Sperren genannten Vorgang: der Abstand der Worte und Buchstaben wird im Sperrsatz verändert. Nutzte der Bleisatz dazu noch eigene Elemente (Spatien genannt), setzt der Computer einfach mehr oder weniger Raum zwischen die Buchstaben. Deshalb wird die Bezeichnung „Spationieren“ inzwischen auch oft gleichbedeutend zur Veränderung der Laufweite genutzt. Tatsächlich aber gibt es feine Unterschiede, auf die man sich in Zeiten der Digitalisierung geeinigt hat: Wird die Laufweite vergrößert, handelt es sich um „Spationieren“. Setzt man zwischen die Buchstaben ein Leerraumzeichen (Geviert oder Viertelgeviert etc.), dann handelt es sich um ein „Sperren“.

Tipps: Auf klein oder groß kommt es an

Beides hat auch in Zeiten des digitalen Satzes seine Berechtigung, sollte aber nur sehr spärlich angewandt werden, wenn beispielsweise die Lesbarkeit bei Texten mit kleinen Schriftgrößen lesbarer oder den Kontrast zum Untergrund verbessert werden soll. Grundsätzlich gilt: Man sollte in die Laufweiten von Schriften nur dann eingreifen, wenn man weiß, was man tut und wenn die Lesbarkeit des Textes dadurch entweder verbessert oder aber zumindest nicht verschlechtert wird. Als Faustregel sollte man sich merken:

  • Kleine Schriften, Fonts mit schmalen Laufweiten, mit starken Serifen, im Kapitälchen- und Versalsatz sowie im Negativsatz benötigen eine größere Laufweite.
  • Größere Schriften, Fonts ohne Serifen und kritische Unterschneidungen kann man enger setzen, damit die Wortbilder geschlossener wirken. Allerdings müssen Plakate und andere Schriften, die aus größerer Entfernung gelesen werden, eher weitere Abstände aufweisen.

Charlotte Erdmann

Unsere Autorin Charlotte Erdmann, Geschäftsführende Gesellschafterin bei Solokarpfen Publishing UG. ©viaprinto (Bild: Matthias Martin)

 

Auch Unterschneidungen, Ligaturen und Spezialschnitte wirken sich auf die Lesbarkeit eines Textes aus. Wie man damit umgehen muss und sollte erfahren Sie in der nächsten Folge dieser Serie.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bereits erschienen:

Die Geschichte der Schrift.
Das Schriftzeichen, die kleinste Einheit der Typografie.
Blutsverwandtschaften: Von Schriftfamilien und -schnitten.
Die Einteilung von Schriften.