8
Dezember
2016
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viaprinto-Wissen

Die Wurzeln des Flat Design.

Das Prinzip Vereinfachung

Das Flat Design hat mehr Einfachheit in Drucksachen, Illustrationen und Webprojekte gebracht. Dies bezieht sich konkret auf zwei Aspekte: Flat Design ist in der Onlinewelt in Form von datenmäßig kleinen Grafiken entstanden, die sich in CSS beschreiben lassen. CSS (Cascading Style Sheets), ist die Bezeichnung einer Programmier-Script-Sprache. Das heißt: Die Punkte der Außenkonturflächen lassen sich über Koordinaten definieren. Eine grafische Fläche wird so zur mathematischen Form. Dies hat seinen Vorläufer in den Vektorgrafiken, die z.B. mit Adobe Illustrator erstellt werden können. Flat Design als flächige Gestaltung hat außerdem zu einer Neu-Besinnung auf visuelle Klarheit und Schnörkellosigkeit geführt.

Eine flächige Illustration mit wenigen Farben aber einigen Details. ©Ralf Wasselowski

Eine flächige Illustration mit wenigen Farben aber einigen Details.
©Ralf Wasselowski

 

Dieselbe Illustration etwas vereinfacht und mit ausschließlich geraden Linien. ©Ralf Wasselowski

Dieselbe Illustration etwas vereinfacht und mit ausschließlich geraden Linien. ©Ralf Wasselowski

Die Flächen wurden weiter vereinfacht, die Anzahl der Farben und Flächen reduziert. ©Ralf Wasselowski

Die Flächen wurden weiter vereinfacht, die Anzahl der Farben und Flächen reduziert. ©Ralf Wasselowski

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von der Onlinewelt in die Welt der Drucksachen

Bevor das Web ein zentrales kommunikatives Medium geworden war, waren Corporate-Design-Richtlinien ausschließlich bezogen auf Drucksachen entwickelt worden. Später wurden Gestaltungsrichtlinien, die für Webseiten galten, auch auf das Erscheinungsbild der Drucksachen übertragen. Beispielsweise kennt jeder das Corporate Design von Google aus dem Internet. Aber kaum jemand weiß, dass auch die Google-Drucksachen nach den Designrichtlinien gestaltet werden, die für das Web entwickelt wurden. Die klaren, farbigen Balken von Google online finden sich in den Drucksachen wieder. In Sachen Designstil bezieht sich das Flat Design auf eine aufgeräumte übersichtliche Gestaltung mit wenigen dominanten Gestaltungselementen und schnörkellosen, klaren Groteskschriften (serifenlose Schriften).

Flat Design als neuer Minimalismus

Flat Design steht in direktem Zusammenhang mit den Aspekten „Visuelle Informationsreduktion“ und „Formen-Abstraktion“. Je mehr es die moderne Informations-Gesellschaft mit einer zunehmenden Informationsüberflutung zu tun hat, desto wichtiger wird andererseits Informationsreduktion. Es geht dabei ganz allgemein darum, Wichtiges und Zentrales von Unwichtigem und Nebensächlichen zu trennen. Ein klares, übersichtliches Grafik-Design, das den Sehgewohnheiten Rechnung trägt, erleichtert dies. Zudem geht es darum, Information schneller wahrnehmbar zu machen, damit man sich im Informationsdschungel zurechtfindet. Beim Illustrieren würde das bedeuten, im Idealfall anstatt vieler Striche und komplizierter Konturen wenige Striche und einfache Konturen einzusetzen. Oder: Ganz auf Striche zu verzichten und nur Flächen zu verwenden. Das Flat Design ist immer weiter gegangen, indem es diese wenigen Flächen auch noch winklig-geometrisch konstruiert hat. Hinzu kamen exakt waagerechte und senkrechte Außenkonturen, feste Winkelungen und mitunter weniger Kurven in den Konturen. Auch die Schattenwürfe des Longshadow-Design-Stils folgen einem vereinfachten Schema. Ein Teil des illustrativen Flat Designs wirkt gar wie reiner Kubismus, der einst in der Malerei organische Formen geometrisiert und visuell in stark vereinfachte Winkel- und Kreisflächen übersetzt hatte.

Prinzipien der Logoentwicklung auf das Flat Design übertragen

Das Flat Design steht in der Tradition und unter dem Einfluss verschiedener Gegebenheiten. Immer schon ging es im Grafik Design darum, eine originelle, wiedererkennbare Formensprache zu entwickeln. Das bezieht sich auf Farben, Schrifteinsatz, Proportionsregeln für die Gestaltung, vor allem aber auf die Gestaltung illustrativer Elemente. Zu den illustrativen Elementen zählen auch Logos und Key Visuals.

Das Logo als Bildmarke ist immer schon eine extreme Stilisierung und Vereinfachung gewesen. Das hatte in den Anfangstagen des Grafik-Designs technische und finanzielle Gründe. In den Tagen des Buchdrucks konnten Flächen gut wiedergegeben werden, Tonwerte, Verläufe und räumliche Darstellungen waren nicht so einfach zu realisieren wie heute im Offsetdruck. Während heute die Vierfarbigkeit zum Standard geworden ist, schlug früher jede Farbe mehr deutlich zu Buche. Deswegen waren Logos oft flächig oder linear angelegt, enthielten aber kaum visuelle Räumlichkeit, und sie waren maximal zweifarbig.

Nach der Computerisierung und der Digitalisierung der Druckvorstufe waren Schattierungen, 3D-mäßig wirkende Darstellungen oder Verläufe möglich und zogen in die Logogestaltung ein. Ob Apple, BMW, Mercedes oder ThyssenKrupp – alle redesignten ihre Firmenlogos im Hinblick auf eine räumlich wirkende Darstellung. Das danach aufkommende Flat Design ist als Gegenbewegung zu verstehen, die sich auf die ursprünglichen Ansprüche des Grafik-Designs besonnen hat: Klarheit, Prägnanz, Minimalismus – für eine Welt, die in Informationen ertrinkt.

Die Vektorgrafik ermöglicht neue Design-Ansätze

Das Flat Design stand also in einer Tradition der visuellen Vereinfachung, die man auch schon in den 1950er- und 1960er-Jahren verstärkt gerade im deutschen und schweizerischen Grafik-Design fand. Neu ist der Vereinfachungsgedanke des “Weniger ist mehr” also nicht. Doch es kam technologisch etwas anderes hinzu: die Vektorgrafik. Dies ist die konturenbasierte und mathematisch beschreibbare Konstruktion und Zeichnung von Flächen. Während die Computergrafik der Anfangstage pixelbasiert war, konnten mit der Software Adobe Illustrator Konturen angelegt und auch nachträglich über Kurvenpunkte mit ihren Anfassern zur Kurvenmanipulation geändert werden. Danach konnten Konturen flächig oder mit Verläufen gefüllt werden. Die Vektorgrafik ist grundsätzlich exakt und “glatt”. Sie hat die Tendenz zur Flächigkeit, auch wenn die Vektorgrafiken der Anfangstage vor Verläufen nur so strotzten.

Das Zeichnen mit Vektoren hat drei Teilaspekte

  1. Die Ästhetik glatter reduzierter Formen.
  2. Die Ergonomie der Vektorsoftware, weil sowohl mit einem Tablet relativ traditionell gezeichnet werden kann aber auch direkt am Bildschirm gezeichnet bzw. konstruiert wird. Dies leistet einer geometrisch-konstruktiven Gestaltung Vorschub.
  3. Die Datentechnik, weil sich Vektoren grundsätzlich von Pixeln unterscheiden. Die nummerische Kontrolle der Anfasser- und Kurvenmodulationspunkte in der Vektor-Software setzt sich inzwischen auch in der CSS3-Webprogrammierung fort. Dort können unter Eingabe von Koordinatenwerten und Modulationsziffern Illustrationen „programmier-gezeichnet“ werden. Dies ist ein illustrativer Trend, der Dateigrößen reduziert. Vektorgrafiken mit wenigen, einfachen Flächen sind auch in der Druckvorstufe erheblich kleiner als Pixelbilder.

FAZIT

Flat Design ist im Spannungsfeld zwischen Ästhetik und Technik entstanden. In seinen extremsten Vereinfachungen wirkt es oft technoid. Denkbar wurde ein flächendeckendes Flat Design erst durch die Computerisierung und vor allem durch die Vektorgrafik, wie sie Adobe Illustrator, die Freeware Gimp oder Corel Draw bieten.

SERVICE

 

Das ist der letzte Teil unserer Serie, in der diese Folgen erschienen sind:

Reduce to the Flat: Wie relevant ist Flat Design?
Flat Design: Illustrieren in der 2. Dimension.
Long-Shadow-Illustration: Flat Design der langen Schatten.

©Ralf Wasselowski

Für den fachlichen Input konnten wir wieder Ralf Wasselowski gewinnen. Er betreibt die Agentur Conceptbüro in Essen. ©Ralf Wasselowski

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